Erfatal-Museum HardheimVorbildliches Heimatmuseum 1994 und 1998 |
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Hardheimer im Ersten Weltkrieg Ausstellung
vom 17.9.2004 bis 17.10.2004 Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung am 17.September 2004 „Umringt von einer Welt von Feinden“ – Hardheim im Ersten Weltkrieg Peter Wanner Die österreichische 2-Euro-Münze
trägt das Bild einer Frau. Es ist nicht Kaiserin Maria Theresia und auch nicht
Sissi. Die Münze zeigt das Portrait von Berta von Suttner. Sie hat viel mit
unserem Thema zu tun: Sie ist die Begründerin der Friedensbewegung, ihr
weltberühmter Roman „Die Waffen nieder“ von 1889 steht an ihrem Anfang. Berta
von Suttner hat Alfred Nobel dazu bewegt, den Friedensnobelpreis zu stiften,
und ihr wurde er 1905 als erster Frau verliehen. Sie ist 1914 gestorben, am 21.
Juni, wenige Wochen vor Beginn des Ersten Weltkriegs. Sie hat das große Völkermorden
nicht mehr erlebt, gegen das sie fast ein ganzes Leben lang gekämpft hat. Nicht nur Berta von Suttner
hatte es prophezeit – dieser kommende Krieg schlage ein neues Kapitel in der
Kriegsgeschichte auf, in der Menschheitsgeschichte, die immer auch
Kriegsgeschichte war und ist. Erstmals gab es Massenvernichtungswaffen im
modernen Sinne, erstmals erwartete man einen Weltkrieg in dem Sinne, dass nicht
nur Europa den Rest der Welt mit Krieg und Gewalt überzieht, wie das unser
Kontinent ja seit Jahrhunderten vorher praktiziert hatte, nein, ein Weltkrieg,
an dem außereuropäische Staaten sich aktiv beteiligen würden, wurde erwartet –
v.a. die USA und Japan gehörten zu den Teilnehmern an diesem beginnenden Krieg.
Friedrich Engels etwa hatte bereits 1887 einen „Weltkrieg von einer bisher nie
gekannten Ausdehnung und Heftigkeit“ kommen sehen. Er prognostizierte: „Acht
bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen.“ Auf 8.550.500
summierten sich allein die Toten der 10 hauptbeteiligen Staaten, darunter
1.808.500 Deutsche und 1,7 Millionen Russen. Und die Vision des kommenden
Krieges von Friedrich Engels nimmt den Verlauf des Ersten Weltkriegs schon
vorweg, fast 30 Jahre bevor der Krieg tatsächlich begann: „Die Verwüstungen des
Dreißigjährigen Krieges zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den
ganzen Kontinent verbreitet. Hungersnot, Seuchen, allgemeine [...] Verwilderung
der Heere wie der Volksmassen; rettungslose Verwirrung [...] in Handel,
Industrie und Kredit, endend im allgemeinen Bankrott; Zusammenbruch der alten Staaten
[...] derart, dass die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und
niemand sich findet, der sie aufhebt; absolute Unmöglichkeit, vorherzusehen,
wie das alles enden und wer als Sieger aus dem Kampf hervorgehen wird.“ Und die Kronen rollten, drei
Kaiserkronen – die uralte russische Zarenkrone 1917, die jüngere
österreichischungarische und die gerade einmal 43 Jahre alte deutsche 1918. Mit
ihnen rollten in Deutschland einige Königs- und andere Kronen, vor allem die
mitteleuropäischen Staaten veränderten sich, nach kurzen demokratischen
Zwischenspielen übernahmen faschistische Bewegungen die Macht, beginnend 1922
in Italien. Der wirtschaftliche Bankrott der Teilnehmerstaaten kam, Deutschland
brach 1923 in der Inflation zusammen, der Börsencrash in USA 1929 hatte
dramatische Folgen auch für ganz Europa. Hungersnot und Seuchen: Die
große Spanische Grippe 1918 forderte weltweit 27 Millionen Menschenleben, in
Deutschland starben etwa 225.000 Menschen. Verwilderung der Sitten:
Großstadtdschungel, Rückkehrerdramen, Entwurzelung. Engels hatte Recht, und
nicht nur er, auch andere warteten auf diesen Krieg. Im Sommer 1914, vor 90
Jahren war es soweit, aus geringfügigem Anlass wurde der verhängnisvolle
Mechanismus aus vorgefassten strategischen Plänen, Ultimaten, Mobilmachungen
und Bündnisverpflichtungen in Gang gesetzt und rollte
innerhalb weniger Wochen ab. Der Krieg begann. 1 Krieg als Zeitenwende Novemberrevolution 1918, die
Machtübernahme durch Hitler am 30. Januar 1933, die Kapitulation des Deutschen
Reichs am 8. Mai 1945, die Gründung der beiden deutschen Staaten am 23. Mai
bzw. 7. Oktober 1949, und schließlich die Maueröffnung am 9. November 1989 und
der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990. Sie gliedern die
deutsche Geschichte der letzten 130 Jahre. Wir betrachten diese Wendemarken
gerne auch als Grenzen zwischen den Epochen und Zeiträumen: Hitlers
Machtergreifung ist der Beginn und die Kapitulation 1945 das Ende des
Nationalsozialismus. Das Ende des Ersten Weltkriegs gilt gleichzeitig als das
Ende des Deutschen Kaiserreichs. Aber dies ist immer ein Stück
Illusion, Fiktion, Erfindung, hat doch alles Vor- und Nachgeschichte, gibt es
doch in der Geschichte keine Stunde Null. Wir arbeiten gerne mit großen Daten,
weil sie uns die Arbeit des Gliederns und Systematisierens erleichtern, und sie
geben uns die Jubiläen und runden Gedenktage an die Hand: heute 90 Jahre Erster
Weltkrieg, 2005 dann 60 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs etc. Dennoch sind
immer wir es, die auf die Geschichte zurückblicken und Wendepunkte, Höhepunkte,
Tiefpunkte setzen. Und die Bewertung ändert sich, so dass wir heute die
Epochengrenzen anders ziehen als noch vor 20 oder 30 Jahren: Der Erste
Weltkrieg wird mit dem Zweiten Weltkrieg verknüpft, erst nach 1945 endet die
Epoche der europäischen Nationalstaatskriege. Hans Ulrich Wehler, sicher einer
der bekanntesten und profiliertesten deutschen Historiker, bezeichnet diese
Epoche als den zweiten Dreißigjährigen Krieg und stützt sich damit auf andere,
die diese Bezeichnung ebenfalls benutzt haben. Und tatsächlich: Weit über die
reine Zeitspanne von dreißig Jahren hinaus gibt es Parallelen zwischen dem 17.
und dem 20. Jahrhundert: Ž Der Dreißigjährige Krieg von 1618–1648 war
insofern schon ein Weltkrieg, als er nicht nur m Herzen Europas, sondern auch
in den Kolonien geführt wurde. Ž Beides waren totale Kriege in dem Sinne, dass
neue Waffen von großer zerstörerischer Wirkung nicht nur gegen feindliche
Heere, sondern auch gegen die Zivilbevölkerung gerichtet wurden; die
„herkömmliche Grenze zwischen militärischer Front und friedlicher Heimat“ löste
sich auf (Wehler) Ž Beides waren totale Kriege, die durch Religion
und Weltanschauung legitimiert und radikalisiert wurden – katholischer Glaube
gegen den protestantischen im 17. Jahrhundert, Patriotismus und Nationalismus,
Faschismus und Antisemitismus im 20. Jahrhundert. Wer heute im großen Roman des
Dreißigjährigen Krieges liest, dem „abenteuerlichen Simplicissimus“ von Hans
Jakob Christoph von Grimmelshausen, der erschrickt ebenso über die beschriebenen Gräuel und
Grausamkeiten wie der Betrachter der Fotos aus dem Ersten Weltkrieg oder dem
kaum zu ertragenden Anblick jener verstümmelten Soldaten, die nach diesem Krieg
versteckt in abgelegenen Lazaretten ihr Leben fristeten. 2 Der Krieg bricht aus –
Vorgeschichte und Beginn Über den Beginn des Ersten
Weltkrieges wurde in der Geschichtswissenschaft anhaltend gestritten. Seit im
Vertrag von Versailles 1919 Deutschland die Kriegsschuld angelastet wurde,
sprach man in Deutschland selbst von der Kriegsschuldlüge und schwächte die
deutsche Rolle im verhängnisvollen Sommer 1914 und den Jahren zuvor ab. Als
1961 der Historiker Fritz Fischer mit seinem Buch „Griff nach der Weltmacht“
diese Haltung angriff, kam die Diskussion kontrovers in Gang, und heute
herrscht die Erkenntnis vor, dass Deutschland große Mitschuld trifft, wenngleich
auch die anderen Nationen bewusst auf diesen Krieg zusteuerten, nicht zuletzt
das zaristische Russland. Der Erste Weltkrieg begann als
europäischer Krieg, hatte sich in den Jahren, die ihm vorausgingen, vorbereitet
durch die Verwerfungen im europäischen Staatensystem, vom Verfall des
Osmanischen Reiches auf dem Balkan, der auch Österreich-Ungarn in
Mitleidenschaft zog; vorbereitet durch den überzogenen Nationalismus im Zentrum
Europas, den Interessenskonflikten im Bereich der Kolonien, den Ablösungsbewegungen
der kolonisierten Völker und schließlich den sozialen Umbrüchen innerhalb der
industrialisierten Staaten – Revolution und Arbeiterbewegung,
Wanderungsbewegungen und Verstädterung, soziale Spannungen und Wertewandel. Dennoch erschien der Krieg für
die normalen Zeitgenossen zunächst ein Krieg wie die vorausgehenden zu sein –
in ihrem Bewusstsein war die Erinnerung an den deutsch-französischen Krieg von
1870/71 und die vorausgehenden bewaffneten Konflikte von 1866 und 1864 noch
lebendig. Auch hier in Hardheim feierte der Kriegerverein jedes Jahr am 2.
September den Sedanstag, den Sieg über Frankreich 1870, und an einen weiteren
Sieg haben auch die Hardheimer – und sie unterscheiden sich an dieser Stelle
nicht von anderen Deutschen – im August 1914 geglaubt. Allgemein verbreitet war die
Ansicht: „Bis Weihnachten werden wir den Feind auf die Knie gezwungen haben“ –
so beschreibt Willi Wertheimer in seinen Lebenserinnerungen die Stimmung in
Hardheim. „Ich fuhr nach Hause, und auch da schlug mir eine Welle der
Begeisterung entgegen. Endlich war die Stunde der Auseinandersetzung gekommen,
die Stunde für neue deutsche „Ruhmestaten““ Patriotismus war der wichtigste
Bestandteil im gesellschaftlichen Konsens des Deutschen Kaiserreichs. „Am
deutschen Wesen soll die Welt genesen“ – Werte wie Treue, Ehrlichkeit, Fleiß,
Redlichkeit wurden als nationale, als deutsche Werte betrachtet. Und die
anderen: Das waren die Unehrlichen und die Faulen, Franzosen und Russen („Jeder
Schuss ein Russ – Jeder Stoß ein Franzos ...“). Nationales Denken war und ist
eben nicht nur Stolz auf die eigene Nation und ihre Leistungen, sondern auch
Verachtung und Herabwürdigung anderer Nationen und ihrer Angehörigen. Diese Verachtung anderer Völker
und Kulturen war nicht neu. Insofern steht der Erste Weltkrieg in einer langen
Traditionslinie seit den mittelalterlichen Kreuzzügen gegen die „Heiden“, seit
der kolonialen Eroberung gegen die „Wilden“, der spanischen Conquista gegen
Indios, den kolonialen Beutezügen der Engländer gegen Inder, der Deutsche gegen
Hereros usw. Die Europäer unterwarfen sich die Welt außerhalb Europas, bewohnt
von als minderwertig betrachteten Menschen. Im Zeitalter des europäischen
Nationalismus wurde der Gedanke der Überlegenheit und Minderwertigkeit dann
jedoch auf die Nationen Europas angewandt. Das war neu – noch im Zeitalter der
französischen Revolution war Krieg ein Mittel zur Eroberung wirtschaftlicher
Ressourcen, zur Ausweitung der eigenen Machtbasis, zur Ausschaltung eines
konkurrierenden Herrscherhauses. Die adligen Eliten der europäischen Staaten
verachteten ihre eigenen Untertanen, nicht jedoch den Adel des Gegners, mit dem
man häufig verwandt war. Innerhalb der europäischen Offizierskaste war es
üblich, dem Fürsten zu dienen, der einen bezahlte. Nationalitäten spielten
dabei bis Ende des 18. Jahrhunderts keine Rolle. Erst dann wurden Franzosen und
Russen zu deutschen Erbfeinden, und man begann, auf sie herabzusehen, ihre
Kultur als minderwertig zu verspotten, ihren Nationalcharakter mit Untugenden
zu verbinden: Russen fressen kleine Kinder. Die Liebe zum eigenen Vaterland
wird ergänzt durch die Verächtlichmachung der anderen Vaterländer. Über den positiv besetzten
Patriotismus des Kaiserreichs schreibt der Jude Willi Wertheimer in seinen
Lebenserinnerungen: „Von früher Jugend auf wurden wir in Schule und Elternhaus
patriotisch erzogen. Wir spielten »Soldaterlis«. Soweit wir Geld hatten,
kauften wir uns bei Greulich oder sonstwo Uniformstücke, Säbel, Helme der
verschiedensten Waffengattungen, Koppel mit den dazugehörigen Trotteln und auch
kleine Gewehrchen zum Schießen mit Pulverkapseln (...). Da exerzierten wir nun,
sangen patriotische Lieder und spielten auch Krieg. (...) Alle vier Jahre, während des
Divisionsmanövers, stand der Schlossplatz auch im Mittelpunkt des Geschehens.
(...) Wenn dann am Nachmittag die Soldaten einrückten, war alles auf den
Beinen, und wir Jugendlichen waren stolz auf unsere Soldaten. Besonders
interessierten mich die fahrenden und berittenen Truppen wie Kavallerie und
Artillerie. Bei den Konzerten waren wir natürlich mit dabei; die Märsche
steigerten unseren Patriotismus bis zur Gluthitze.“ Patriotismus als sozialer „Kitt“
rangierte im Kaiserreich noch vor der Religion, vor dem Christentum, denn
Patrioten waren auch die Juden, und durch die Kriegsgefahr sogar die
sozialistischen Arbeiter, die ihre Vorbehalte gegen den Nationalstaat im
Vorfeld des Krieges aufgegeben hatten. Die SPD stimmte den erweiterten Krediten
zur Finanzierung des Krieges zu, Kaiser Wilhelm schwadronierte davon, dass er
keine Parteien mehr kenne, nur noch Deutsche. Dennoch darf man die
Konfliktlinien im Inneren dieses Deutschen Reiches nicht übersehen. Das
Bemühen, sie durch Patriotismus und Vaterlandsbegeisterung zu überdecken,
erwies sich in der Krise des Jahres 1914 als konfliktverschärfend. Ansonsten
waren sie natürlich trotz Hurra-Deutschland-Stimmung vorhanden. Dabei wurde die
soziale Konfliktlinie schon erwähnt; die Herausbildung einer selbstbewussten
Industriearbeiterschaft führte zum Erstarken ihrer politischen Vertretung, der
sozialistischen Arbeiterbewegung. Da jedoch die Verfassungskonstruktion des
Kaiserreichs an vielen Stellen mehr als undemokratisch war, fehlte der
sozialistischen Bewegung das tatsächliche politische Gewicht. Das Kaiserreich hatte einen
weiteren wichtigen Konstruktionsfehler: Es war nichts weiter als ein
Dachverband der souveränen Einzelstaaten, an deren Spitze souveräne Fürsten
standen – die Könige von Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg etc., und
natürlich auch der Großherzog von Baden. Und so schreibt der Hardheimer Anselm
Wertheimer am 1. November 1914 aus dem Feld an das „Verehrliche
Bürgermeisteramt Hardheim“: „Dessen ungeachtet werde bis zum letzten Atemzug
tapfer kämpfen für Fürst und Vaterland. Unser Losungswort heißt: »Sterben oder
Sieg!«“ Der Kanonier Wertheimer gehörte
zum 3. badischen Feldartillerie Regiment 50. Er fiel am 31. März 1918. Und schließlich: Wie in anderen
europäischen Staaten überdeckte der gemeinsame Patriotismus den wieder
auflebenden Antisemitismus, der als Gegenreflex durch die weitgehende
politische und kulturelle Emanzipation der Juden verstärkt wurde; auch die
Manifestation des politischen Zionismus trug dazu bei. Dieser Antisemitismus
schlug sich in Deutschland in nationalistischen Gruppierungen wie dem
Alldeutschen Verband nieder, von dem sich eine direkte Traditionslinie zu den
frühen Nationalsozialisten ziehen lässt. Der Einsatz vieler deutscher Juden im
Ersten Weltkrieg überdeckte dies. „Wir waren natürlich sehr stolz darauf,
endlich die Uniform tragen und das Vaterland verteidigen zu dürfen, das wir
doch so liebten. Wir waren sogar bereit, für dieses zu sterben“, schrieb Willi
Wertheimer. Zwei Hardheimer jüdischen Glaubens ließen ihr Leben in diesem Krieg
– Wolf Adolf Israel und Anselm Wertheimer. Noch 1935 findet sich als Inschrift
auf dem Grab von Julius Billigheimer der stolze Satz: „Er zog als Soldat in den
Krieg.“ Dennoch zeigte sich gerade in
diesem Krieg, dass die völlige Gleichstellung noch nicht erreicht war – Juden
fanden sich nur in Ausnahmefällen im Offizierskorps, und bei der Verpflegung
wurde keine Rücksicht auf die jüdischen Ernährungsregeln genommen. 3 Im Krieg – draußen auf
dem Feld, drinnen an der Heimatfront Dass dies so werden würde war
von vorneherein klar. Deutschland importierte schon vor 1914 ein Drittel seines
gesamten Nahrungsmittelbedarfs aus dem Ausland. Durch die Blockade der Seehäfen
und den Zusammenbruch des innereuropäischen Handels stiegen schon wenige Wochen
nach Kriegsbeginn die Nahrungsmittelpreise stark an, so dass 1915 zunächst Brot
rationiert wurde, dann Milchprodukte, Fett, Fleisch, Eier, Kartoffeln und so
weiter. Die Qualität der Lebensmittel sank, Brot wurde etwa mit allem möglichem
gestreckt. Im Winter 1916/17, im „Steckrübenwinter“, sank die durchschnittliche
Versorgung der Bevölkerung auf 1000 Kalorien pro Tag. Vergleichen Sie das mal
mit der Tabelle der aktuellen Hamburger-Werbung; 1 BigMäc und 2 Cola. Das
war‘s, für den ganzen Tag. Es kam vereinzelt zu
Hungerunruhen, aber die deutsche Propagandamaschinerie vermittelte
Durchhalteparolen in jeder Form, deren Quintessenz war: Die Deutschen daheim
bilden die Heimatfront. Und an der wirklichen Front? Ich
möchte an dieser Stelle nicht die einzelnen Heeresbewegungen nachvollziehen,
nicht die Schlachten aufzählen. „Umringt von einer Welt von Feinden“ – das
Deutsche Reich und Österreich- Ungarn, die Mittelmächte, standen gegen ganz
Europa und seit 1917 gegen die USA. Entscheidend für den
Kriegsverlauf war, dass der Plan des früheren Generalstabschefs Graf Alfred von
Schlieffen, einen Zweifrontenkrieg durch einen sehr schnellen Angriff auf
Frankreich zu verhindern, den Flächenbrand erst richtig in Gang setzte: Der
dafür notwendige Einmarsch in das neutrale Belgien, um die französische
Verteidigungslinie gegen Elsass und Lothringen zu umgehen, führte zum
Kriegseintritt Großbritanniens. Der deutsche Angriff blieb an der Marne
stecken, der erhoffte schnelle Zusammenbruch Frankreichs blieb aus. Damit
musste der gefürchtete Zweifrontenkrieg gegen
Frankreich und Russland gleichzeitig geführt werden, mit den bekannten Folgen. Der Krieg war damit Weihnachten
1914 für Deutschland und die Mittelmächte verloren. Weder das
Massenvernichtungsmittel Gas, durch das deutsche Heer im April 1815 erstmals
eingesetzt, konnte dies ändern, noch die anderen neue Waffen: Maschinengewehre,
Flugzeuge, Tanks. Dennoch hielt die deutsche
Heeresleitung an ihren völlig übertriebenen Kriegszielen fest: Vergrößerung des
deutschen Territoriums durch Teile Belgiens, Schaffung einer wirtschaftlichen
Einheit in Mitteleuropa mit Pufferstaaten nach Osten, Vergrößerung des
Kolonialbesitzes. Und so wurde weiter gekämpft an
den Fronten. Allein aus Hardheim und seinen heutigen Ortsteilen fielen fast 200
junge Männer. Das Leid war groß. In der
Ausstellung wird etwa ein Brief gezeigt, in dem es heißt: „Ich und der Alois Ihr Mann
waren schon in Rastatt bei 3. Kompanie Regiment Nr. 40 beieinander [...]. Ich
glaube wir sind am 11. Oktober ins Feld gerückt nach Belgien und am ersten Tag
wo wir ins Gefecht gekommen sind waren wir morgens noch beieinander der Alois
man meint er hätte schon eine Ahnung gehabt, dass er die Heimat und seine liebe
Frau nicht mehr sieht, er war ganz traurig, ich glaube, dass er auch schwer von
daheim fort ist, und ich weiß nicht mehr den Tag genau wenn er gefallen ist,
ich glaube am 24. Oktober er hat einen Kopfschuss bekommen, er war sofort tot. Ich bin dann hingekommen und da
hat mir einer gesagt, wo neben Ihm war, schau da liegt der Scherer und ist tot
und hat einen Kopfschuss wir haben dann vor gemüßt und die Gefallenen sind
beerdigt worden in ein Massengrab in der Nähe von Morslede und
Westenrosenbuiken es sind viele dort gefallen und beerdigt worden.“ 4 Das Ende naht Im August 1918 erklärt die
Oberste Heeresleitung unter Ludendorff und Hindenburg die Fortsetzung des
Krieges für aussichtslos. Man versucht nun wenigstens innenpolitisch noch zu
retten, was zu retten ist: Die politische Führung macht demokratische
Zugeständnisse und setzt einen neuen Reichskanzler ein, die SPD wird gar an der
Regierung beteiligt; zu spät, denn die Lage war unkontrollierbar geworden. Die
Meuterei der Flotte, Streiks, Demonstrationen und Ausschreitungen in den
Städten ließen Kaiser und Heeresleitung resignieren. Wilhelm II. ging ins Exil,
alle deutschen Fürsten verzichteten auf ihre Kronen, die neuen politischen
Repräsentanten mussten in Versailles die Suppe auslöffeln. Die neue Republik startete damit
von vornherein großen Belastungen. Die „Schmach von Versailles“, so das
Bewusstsein großer Teile der Bevölkerung, musste beseitigt werden: Durch einen
neuen Krieg. Die 15 Jahre zwischen 1918 und1933, die Jahre von Weimar, waren
keine Friedensjahre. Der Krieg blieb gegenwärtig, die zurückkehrenden Soldaten
brachten ihn in ihren Köpfen mit, in den Medien waren der Krieg und Versailles
immer präsent, in den politischen Programmen der Rechten war die Revanche
festgeschrieben. Vor allem einer forderte die Revision, verlängerte die
Kriegszielpolitik des Kaiserreichs in den Osten, wollte durch territorialen
Zugewinn das Deutsche Reich autark machen: Adolf Hitler, selbst als Gefreiter
Teilnehmer am Krieg. Nicht nur er ist das Bindeglied zwischen den zwei
Weltkriegen, die uns beide zu einer Epoche zusammenschließen lassen. Denn erst das Ende des Zweiten
Weltkriegs beendete diese Epoche, den übersteigerten Nationalismus, den
Glauben, mit einem neuen Krieg die Niederlage wieder auswetzen zu können. Nun
war auch die Niederlage total, in allen Köpfen, Deutschland war besetzt,
geteilt, und wurde im Westen „zwangs-“demokratisiert und im Osten auf die gleiche
Weise sozialisiert. Mit großem Erfolg: Der entstandene gesellschaftliche
Konsens war und ist bis heute hoch. Nun sind wir am Ende der Epoche
angekommen, am Ende dieser Epoche, zu der der Erste Weltkrieg Auftakt war. Und es gibt sogar Gründe dafür, die
Epoche des Zweiten Dreißigjährigen Krieges erst 1990 mit dem Zerfall der
Sowjetunion und ihrer Satelliten enden zu lassen. Womöglich wird man in 50 Jahren dieses Geldstück als Epochengrenze setzen: Als Ende des nationalen Zeitalters in Europa, zwischen Napoleon und Maastricht, zwischen den europäischen Nationalkriegen und der europäischen Einigung. |
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