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Erfatal-Museum HardheimVorbildliches Heimatmuseum 1994 und 1998 |
Inhalt: Goethe und die Stühle Marie Josephine Henninger aus Hardheim Goethe und der Kuss von Hardheim Fußnoten Literatur |
Der
Kuss? Die Stühle? Goethe und Hardheim Das Jahr 1999 war Goethe-Jahr. Landauf landab erinnerten Ausstellungen, Feierstunden, Fernseh- und Kinofilme, Lesungen, Theaterstücke, Bücher und Broschüren an den Dichter, der 250 Jahre zuvor am 28. August 1749 in Frankfurt am Main das Licht der Welt erblickt hatte. Auch Hardheim mochte da nicht zurückstehen, ist die Beziehung des Dichters zu dem Ort im Erfatal doch eine doppelte: Zum ersten hielt sich Goethe hier 8. Oktober 1815 einige Stunden auf. Und die zweite steht seit einigen Jahren im Erfatal-Museum in Hardheim drei Stühle, die aus der familiären Umgebung von Goethe stammen und die aus Anlass des Goethejahrs restauriert und mit einem neuen Polster im Stil der Zeit ihrer Entstehung versehen wurden. |
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Goethe und die Stühle Die Stühle stammen aus dem Haushalt der Frankfurter Familie Melber. Johanna Melber, geb. Textor, war die Schwester von Goethes Mutter Catharina Elisabeth. Sie bewohnte mit ihrem Mann, dem Geheimrat Georg Adolph Melber, ein Haus am Frankfurter Markt. Goethe hat sie in seinen Kinderjahren dort oft besucht. Die umtriebige Geschäftigkeit im Melberschen Haushalt hat den jungen Goethe stark beeindruckt. Er berichtet in Dichtung und Wahrheit" von seinen Besuchen bei Melbers, deren Wohnung und Laden mitten im lebhaftesten, gedrängtesten Teile der Stadt an dem Markte lag. Hier sahen wir nun das Gewühl und Gedränge, in welches wir uns scheuten zu verlieren, sehr vergnüglich aus den Fenstern zu." Besonders beeindruckt war er von der Geschäftigkeit und liebevollen Fürsorglichkeit seiner Tante, die ihn offensichtlich als Kind sehr gerne mochte und verwöhnte. Sie habe früher Abgötterei mit mir getrieben", erzählt er. Auch in ihrem Hause war um sie her alles bewegt, lebenslustig und munter, und wir Kinder sind ihr manche frohe Stunde schuldig gewesen."1 Die regelmäßigen Besuche dauerten bis 1756, Goethes siebtem Lebensjahr; dann kam es zu familiären Streitigkeiten wegen des preußisch-französischen Krieges. Goethe hat aber bis in seine Weimarer Zeit hinein freundliche Worte für seine Tante gefunden. Bis zur Restaurierung der Stühle war man im Erfatal-Museum davon ausgegangen, dass sie um 1750 entstanden waren, Goethe selbst bei seinen Besuchen sie also benutzt haben könnte. Der sachverständige Restaurateur machte dieser Annahme leider ein Ende; die Stühle sind vier Jahrzehnte jünger und dem Stil directoire zuzuordnen, dem Stil der Jahre der Direktoriumsverfassung im revolutionären Frankreich zwischen der Einführung dieser Verfassung am 1. Vendémiaire (23. September 1795) und dem Staatsstreich durch Napoleon Bonaparte am 18. Brumaire (9. November 1799). Damit sinkt zwar die Chance, dass Goethe
selbst die Stühle besessen" oder besser bekniet" hat, wie
das Kinder tun. Er hat Frankfurt schon 1765 verlassen, zunächst zum Studium nach Leipzig,
dann über weitere Stationen schließlich 1775 nach Weimar, wo er unterbrochen
durch Reisen und Kuraufenthalte bis zu seinem Tod 1832 lebte. Es ist nicht
überliefert, ob er bei einem seiner seltenen Besuche in Frankfurt auch seine Tante Melber
noch einmal besucht hat. |
| zum Anfang | Marie Josephine Henninger aus Hardheim Den historischen Wert der Stühle mindert dies kaum, gerade wenn wir den Weg verfolgen, der die Stühle nach Hardheim geführt hat: 1814, ein Jahr vor Goethes Aufenthalt in Hardheim, wurde hier ein Mädchen geboren, das auf den Namen Marie Josephine Henninger getauft wurde. Sie ist das Bindeglied zwischen Hardheim und den Stühlen aus dem Umkreis von Goethe: Sie trat 1841 in den Dienst der Familie Melber. Sie bleibt im Dienst der Familie, bis sie 1889 als 75-jährige stirbt. Mit ihrem Nachlass kommen auch die Stühle nach Hardheim sie waren ein Geschenk der Familie Melber an ihre treue Dienstmagd. Josephine Henninger wurde mehrfach geehrt für ihre Dienste 1866 etwa dichtet der Enkel von Goethes Tante, Dr. med. Georg Melber, zu ihrem 25-jährigen Dienstjubiläum:
Und der Verein zum Wohl der dienenden Klasse" verlieh ihr aus Anlass ihres
Ausscheidens nach 44-jährigem ununterbrochenen Dienst bei der Familie Melber für Fleiß,
Sittlichkeit und Treue eine Ehrengabe. Als Symbol dieser Tugenden prangt auf der
dazugehörigen Urkunde ein Bienenkorb. |
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Goethe und der Kuss von Hardheim Doch wenden wir uns nun der zweiten Beziehung zwischen Hardheim und Goethe, Goethe und Hardheim zu: Dem Aufenthalt des Dichters in der Erftal-Metropole" am Sonntag, dem 8. Oktober 1815 in dem Jahr, in dem Napoleon sein Exil auf der Insel Elba verließ, bei Cannes in Frankreich landete und mit einem Trupp von Anhängern und Soldaten nach Paris marschierte. Im Juni erlebte er dann seine sprichwörtlich gewordene Niederlage bei Waterloo, der Ex-Kaiser wurde auf die Insel St. Helena deportiert. Goethe unternimmt in diesem Jahr zum zweiten Mal eine Reise in die Rhein- und Maingegenden", trifft Marianne von Willemer wieder, die letzte große Liebe seines Lebens, und flieht sie Anfang Oktober, wie er in seinem Leben oft geflohen ist, wenn der Boden zu heiß wurde, der Boden der Liebe. Thomas Mann, ein anderer ganz Großer der deutschen Literatur, beschreibt in seinem Roman Lotte in Weimar" diese Reise er legt dem Goethe des Jahres 1816 folgende Worte über Goethes Reisebegleiter Sulpiz Boisserée in den Mund:2
Nun sind wir schon mitten im Geschehen, beim Kuss von Hardheim, der doch einiges
Aufsehen erregt hat in der Literaturgeschichte Aufsehen vor allem deshalb, weil in
der Überlieferung die Szene sehr viel fragwürdiger ist als das, was Thomas Mann hier
daraus macht.
Die Erwiderungen von Marianne von Willemer hat Goethe ebenfalls in seine Gedichtsammlung aufgenommen ein in der Literaturgeschichte weithin einmaliger Fall. Zu diesen Erwiderungen gehören etwa folgende Zeilen:5
Anfang September 1815 wird die Situation prekär in dieser Dreier-Konstellation, und Goethe beginnt sich zurückzuziehen, wie dies in Goethes Leben man denke nur an seine Liebe zu Charlotte Buff nicht einzigartig war. Man trifft sich am 15. September auf der Gerbermühle, dem Wohnsitz der Familie Willemer; Goethe hatte an diesem Tag außerdem das wohl in Heidelberg entstandene Gedicht über das Blatt des Gingko-Baums an Marianne abgesandt:6
Nach der Rückkehr nach Heidelberg kommen Willemers noch einmal in die Stadt, reisen aber am 26. September aus Heidelberg ab. Goethe dichtet:7
Danach hält Goethe nichts mehr in Heidelberg:8
Boisserée schreibt weiter:9
Soweit die Geschichte, das, was wir wissen über diesen Kuss. Aber es stellen sich noch
einige Fragen, so zum Beispiel die nach dem Ort des Geschehens, der bei Boisserée nicht
detailliert genannt wird.
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| zum Anfang | Literatur Boisserée, Sulpiz: Tagebücher. Bd. I: 18081823. Darmstadt: Eduard
Roether Verlag 1978 (= Sulpiz Boisserée: Tagebücher 18081854. Im Auftrag der Stadt
Köln herausgegeben von Hans-J. Weitz) |
| zum Anfang | Fußnoten 1 Goethe, Dichtung und Wahrheit (1998), S. 42. 10 Goethe in einem Brief an Marianne und Johann Jakob Willemer auf der Gerbermühle, zit.n. Goethe (1981), S. 460 f. |
© 1998-2000 Peter Wanner M.A.