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Jüdisches Leben in Hardheim
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Wiedergutmachung
Im Bundesentschädigungsgesetz vom 29. Januar 1956 wurde die Wiedergutmachung für die zwischen 1933 und 1945 verfolgten Personen endgültig festgeschrieben. Damit wurde auch eine verbindliche Rechtsgrundlage für Rückerstattungsansprüche jüdischer Flüchtlinge geschaffen.
Am Beispiel der Hardheimer Familie Halle wird jedoch deutlich, daß sich die Regelung oft jahrelang hinzog und nur ein Teil der erlittenen finanziellen Verluste erstattet wurde.
Wie vielen anderen Juden war auch den Halles aufgrund der Verfolgung durch die Nationalsozialisten die wirtschaftliche Existenzgrundlage entzogen worden. Der Hardheimer Besitz der Familie war von den Nationalsozialisten konfisziert worden. Zu den Schäden im wirtschaftlichen Fortkommen und dem Verlust der Rentenansprüche kamen die Kosten für die Auswanderung sowie die finanziellen Schwierigkeiten in der neuen Heimat.
Anfang der fünfziger Jahre versuchten die Hinterbliebenen, ihre Erb- und Rückerstattungsansprüche geltend zu machen. Der Verkauf des in Hardheim ererbten Hauses sowie die Rückzahlung der entzogenen Miete zogen sich bis 1957 hin.
Schwierigkeiten gab es auch bei der Rückerstattung des von den Nationalsozialisten beschlagnahmten Hausrats. Bei der Feststellung des entstandenen Schadens leugneten die befragten Zeugen teilweise die Existenz wertvoller Silbergegenstände und -bestecke. Dem jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen, Max Halle, wurde in dieser Angelegenheit kein Glauben geschenkt.
So blieb auch hier - wie in vielen anderen Fällen - eine annähernd vollständige Wiedergutmachung der entstandenen finanziellen Schäden aus.
T 6.1a
Der Kampf um eine finanzielle Entschädigung
Über mehrere Jahre hinweg versuchte der in Hardheim geborene Max Halle - er hatte vor seiner Emigration in Nürnberg gelebt -, eine Entschädigung für die seiner Familie entstandenen finanziellen Schäden zu erhalten. Er schreibt 1955:
"Ich habe davon Kenntnis genommen, daß die Wiedergutmachungsstelle den von mir verlangten Mindestbetrag von DM 20.000,- als zu hoch erachtet. Hierzu habe ich folgendes zu erwidern. Ich werde mich unter keinen Umständen mit dem offerierten Betrag von 8.000 DM einverstanden erklären. Zunächst zu dem Punkt »Silbergegenstände«. Wer von den Zeugen oder welcher Außenstehende kann wissen, was meine Angehörigen an Silber etc. hatten. Wer meine Leute kannte weiß genau, daß sie ruhig und zurückgezogen gelebt haben und nicht nach außen gezeigt haben, was sie waren und besessen haben. Ich kann nur mitteilen und kann es, wenn es verlangt wird, vor dem Deutschen Konsulat beschwören (...), daß der von mir dafür angesetzte Betrag nicht zu hoch ist. Es ist ja nicht meine Schuld, daß man alles den Juden geraubt hat und heute versucht so gut wie nichts dafür zu zahlen. Ich glaube Ihnen schon einmal geschrieben zu haben, daß meine ganze Familie, Mutter, 2 Schwestern, 2 Brüder, einer davon mit Frau und 2 Nichten, vernichtet wurden. Dazu kommen eine ganze Reihe entfernte Verwandte wie Tanten und Onkels! Nun versucht man diesem himmelschreienden Verbrechen weiteres Unrecht anzufügen."
T 6.1b
Noch während der Besatzungszeit wurden auf Initiative der Militärregierung erste Maßnahmen zur Wiedergutmachung eingeleitet; vor allem Verkäufe von Immobilien wurden neu geschätzt und die Erwerber mußten den Differenzbetrag nacherstatten.
(GA Hardheim I A 471)
Der "Förster von Brooklyn"
Schon in den zwanziger Jahren hatte Willi Wertheimer begonnen, sich für die zionistische Bewegung zu engagieren. Er wurde ehrenamtlich für den Jüdischen Nationalfond (Keren Kajemeth Lejisrael) tätig, dessen Ziel es war, über Spendengelder Boden in Palästina zu kaufen, der in unveräußerliches jüdisches Volkseigentum übertragen werden sollte. Gleichzeitig versuchte die Organisation, die Wiederaufforstung Palästinas in Gang zu bringen.
Nach 1945 begann der Keren Kajemeth mit der Anlage des aus 19 Abschnitten bestehenden "Märtyrerwaldes", zum Gedenken an die 6 Millionen durch die Nationalsozialisten ermordeten Juden. Jeder hier gepflanzte Baum war ein wichtiger Beitrag zur Verbesserung des Klimas und des Wasserhaushalts des Landes und wurde gleichzeitig zum lebendigen Monument für die Opfer des Holocaust.
Wertheimer setzte nach 1945 seine Tätigkeit für den Keren Kajemeth von Brooklyn aus fort. Er initiierte in der Nähe von Haifa die Anlage eines Ehrenhains für die 12.000 im Ersten Weltkrieg für Deutschland gefallenen jüdischen Soldaten und wurde so zum "Förster von Brooklyn".
Gleichzeitig engagierte sich Wertheimer für die Errichtung des "Forest of the Jews Formerly from Central Europe", der 1962 als separater Teil des Walds der Märtyrer gepflanzt wurde und in dem tausend Bäume an die ermordeten badischen und württembergischen Juden erinnern.
T 6.1a
Im Jahr 1963 war Willi Wertheimer selbst in Israel und hat den von ihm unterstützten Gedenkwald für die im Ersten Weltkrieg gefallenen deutschen Juden besucht.
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Zu seinem 65. Geburtstag wird Willi Wertheimer 1962 eine "Urkunde über 1000 Trees" überreicht, die er in Israel hat pflanzen lassen - links neben Wertheimer seine Frau, rechts neben ihm Direktor Sloan vom Jewish National Fund in New York und der Schwiegersohn Wertheimers, John Ottenheimer.
T 6.2c
Urkunde über einen in Israel gepflanzten Baum - Willi Wertheimer hat bei jeder Gelegenheit versucht, dem großen Ziel der Aufforstung Israels näher zu kommen und so auch selbst immer wieder Bäume gespendet oder andere zu Baumspenden aufgefordert.
Streben nach Versöhnung - Willi Wertheimer und Hardheim
Willi Wertheimer war 1938 zwar die Flucht nach Amerika gelungen, seine Familie - seine sieben Geschwister und deren Familien - war jedoch Opfer des Holocaust geworden.
Trotz Verfolgung, Leiden und vielfachem Verlust hat sich Wertheimer immer wieder um Verständigung und Versöhnung mit dem Nachkriegsdeutschland und seiner unmittelbaren Heimat Hardheim bemüht. Sein Anliegen war einerseits, durch die Aufklärung der jüngeren, am Verbrechen des Nationalsozialismus unschuldigen Generationen künftigen Antisemitismus und Völkermord verhindern zu helfen. Andererseits fühlte sich Wertheimer auch nach langen Jahren der Emigration noch immer mit seiner Heimat verbunden.
Seine Autobiographie, für die Wertheimer 1978 die Goldene Bürger- und Verdienstmedaille der Gemeinde Hardheim verliehen bekam, ist eine Hommage an das Hardheim des Kaiserreichs und der Weimarer Republik, an eine Zeit, in der Juden und Christen weitgehend gleichberechtigt zusammengelebt hatten. Gleichzeitig ist der "Förster von Brooklyn" ein Zeichen der Versöhnung.
Im November 1978 - 40 Jahre nach seiner Flucht aus Deutschland - kehrte der mittlerweile einundachtzigjährige Wertheimer zusammen mit seiner Familie zu einem längeren offiziellen Besuch nach Hardheim zurück. Neben der Herzlichkeit, mit der Wertheimer als "Hordemer" samt seiner Familie in Hardheim empfangen wurde, hat sein Besuch auch Scham und Traurigkeit über das geweckt, was man den Deutschen jüdischen Glaubens während des Dritten Reichs angetan hat.
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Zur Erinnerung an den Besuch von Willi Wertheimer in Hardheim im Jahr 1978 hat Fritz Feuchtmeyer, ein Freund der Familie Wertheimer, dieses Heft mit Fotos und Zeitungsausschnitten zusammengestellt. Fritz Feuchtmeyer war auch der Herausgeber des Wertheimer-Buchs.
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In den siebziger Jahren - noch vor Wertheimers erstem offiziellen Besuch in Hardheim - trat die Gemeinde Hardheim mit ihren ehemaligen jüdischen Mitbürgern in Kontakt, und Willi Wertheimer vermittelte die Adressen der in alle Welt verstreuten früheren Hardheimer. Einige von ihnen konnten auch noch einmal ihre alte Heimat besuchen.
© 1998-2000 Peter Wanner M.A.
Anfragen und Informationen zum Thema Jüdische Gemeinde bitte direkt an Herrn Gerhard Wanitschek