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Jüdisches Leben in Hardheim
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1 Die letzten Spuren der jüdischen Gemeinde in Hardheim... Aus über 600 Jahren jüdischer Geschichte in Hardheim haben sich nur wenige Spuren erhalten - im Bestand des Erfatal-Museums findet sich nur dieser Chanukka-Leuchter, und die Erinnerung lebt vor allem fort in den Lebenserinnerungen des gebürtigen Hardheimers Willi Wertheimer. |
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Das Leben von Willi Wertheimer
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Eine Kindheit in Hardheim
"Wir verkehrten natürlich viel mit den Schulkameraden, auch mit den nichtjüdischen, und besonders mit den Nachbarskindern. Es gab immer etwas zu spielen, jede Jahreszeit hatte ihre speziellen und typischen Spiele und ihre eigenen Reize. Im Winter fuhren wir Schlitten, bauten Schneemänner und warfen Schneebälle, liefen auch Schlittschuh.
So schön der Winter war, es war doch immer wieder ein Erlebnis, wenn mit der Schneeschmelze tausend Bächlein ins Tal flossen und das Wasser in der Erf und allen Gräben gewaltig anstieg. Stundenlang standen wir dann oft am Ufer und sahen den treibenden Eisblöcken nach, und als richtige Kinder vom Land fühlten wir mit Wonne den Frühling nahen, der ganz andere Vergnügen bot. Nun kamen die ersten Blumen, gelbe Primeln, Dotterblumen, die ersten Veilchen und die bläulichroten Kuckucksblumen. Man pflückte, was man fand, und brachte es nach Hause. (...)
Wurde es wärmer, so badeten wir auch schon bald unsere Füße im Riedbach, am Wehr, in den die Erf abgeleitet wurde. Da gab es dann Fische zu beobachten, und zuweilen konnte man auch einige fangen. Die kleinen, frischgeschlüpften mit den glotzenden Augen, die sich massenweise im Wasser tummelten, konnte man erwischen; wir warfen sie dann wieder ins Wasser. Wir nannten sie Rotzer, weil sie sich schlüpfrig anfühlten. (...)
Noch schöner war dann der Sommer. Denn erstens waren die Tage länger, und dann brachte er ja auch die langersehnten Ferien. Nun wurden die Wälder durchstreift, am Wurmberg, am Schmalberg, am Kreuzberg und Lichtberg. Käfer und Schmetterlinge fingen wir, und nicht nur den bei Kindern so beliebten Maikäfer gab es, nein, selten zwar, aber doch zu finden und sehr begehrt war der große Hirschkäfer mit seinen Zangen, die aussahen wie ein Hirschgeweih. (...)
Wir kletterten auch auf Bäume und suchten Vogelnester, und es gab natürlich auch Kameraden, die die Nester ausnahmen. Ich konnte das nicht, hatte Angst vor der Strafe, wenn es ruchbar wurde, aber auch Mitleid mit den Vögelchen. Es machte mir aber Freude, wenn ich eine schöne bunte Feder fand."
(Willi Wertheimer)
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Willi Wertheimer an einem der Schauplätze seiner Jugend - in der Burggasse wohnten seine Eltern mehrere Jahre im Haus von Schlosser Hallbaur. Die Aufnahme ist wohl im Jahr 1938 entstanden, kurz vor Wertheimers Ausreise.
Zwischen den Welten
Nach dem Krieg arbeitete Willi Wertheimer in verschiedenen Gemeinden der Region als Religionslehrer; sein Weg führte ihn zunächst nach Eubigheim (1919-1924), dann nach Buchen. Dorthin kamen auch die jüdischen Schüler aus Hardheim, nachdem die Gemeinde hier zu klein für einen Lehrer geworden war.
In den Jahren bis 1938 richtet Willi Wertheimer sein Augenmerk vor allem auf die Verwirklichung der zionistischen Idee - die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina. Er hielt Vorträge und warb für die Ansiedlung in Palästina, half sogar bei der Gründung eines "Hachaluz-Zentrums" in Walldürn und später in Sennfeld, wo junge Juden zu Landwirten ausgebildet wurden, um als Pioniere in das "Land der Väter" gehen zu können.
Innerhalb der jüdischen Gemeinden war der Zionismus in jenen Jahren nicht unumstritten; aber der zunehmende Antisemitismus nach 1933 rückte die Idee eines jüdischen Staates stärker in das Bewußtsein auch vieler deutscher Juden.
Wertheimer kann im Oktober 1938 zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter in die USA emigrieren; als einziger aus seiner Familie war es ihm gelungen, die entsprechenden Papiere zu besorgen - seine Frau hatte Verwandte in den USA.
Dort erwartete die Emigranten keineswegs ein Paradies. Auch Wertheimer mußte sich zunächst mit Hilfsarbeiten durchschlagen; als inzwischen 41 Jahre alter jüdischer Religionslehrer war es schwer, in einem fremden Land Fuß zu fassen. Erst seine Einberufung in die US-Armee, nachdem die USA in den Krieg eingetreten waren, beendete diese Zeit.
Nach dem Krieg engagierte sich Wertheimer weiter für die Idee des jüdischen Staates und half beim Aufbau von Israel; er wurde Präsident des Weltkomitees des "Jews of Central Europe Memorial Forest Jewish National Fund". Aber auch seiner alten Heimat galt seine Arbeit: schon früh unternahm er Schritte zur Versöhnung und wurde für diese Bemühungen unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Willi Wertheimer starb in New York, wo er am 22. Januar 1982 begraben wurde.
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Jahre der Bedrängnis
"Meine Amtsjahre waren weiter ausgefüllt mit Arbeit; aber auch der Umstand, daß man nicht viel Zeit zum Nachdenken hatte, konnte nicht verbergen, daß die Apokalyptischen Reiter im Anzug waren. Der Sturm zeigte sich immer deutlicher, es wurde immer ungemütlicher.
Freunde und Nachbarn wendeten sich ab, manche unter Druck. Die Farben wechselten zusehends von Rot zu Braun. Die Lage wurde immer gespannter, am Tag gab es Anpöbelungen und des Nachts, wenn man erwachte, konnte man zum Marschtritt rohe Gesänge hören, »Die Fahne hoch«, »Wenn das Judenblut vom Messer spritzt« und ähnliche Lieder. Aufmärsche, Kundgebungen und Versammlungen dienten überall der Judenhetze, die Zeichen konnten nicht mehr trügen, es war höchste Zeit zu verschwinden, und wer es konnte, der tat es.
Man brachte die Kinder ins Ausland, soweit das möglich war, und die Eltern folgten später. Hauptziele waren Amerika und Israel. Wie gut war es jetzt, daß durch frühere Abwanderung viele Familien schon Verwandte in Übersee hatten und daß in Israel, das damals noch britisches Mandatsgebiet war, schon junge Idealisten Pionierdienste geleistet hatten.
Die jüdischen Kinder wurden aus den Schulen entlassen, gingen für kurze Zeit noch in jüdische Schulen in Heidelberg oder Esslingen oder kamen in ein Kinderheim oder Waisenhaus nach Frankfurt am Main. Einige gingen auch noch in eine Handwerksausbildungsstätte nach Herrlingen, das war zu jener Zeit die neueste und beste Erziehungsstätte, sie wurde nach England verlegt. Es eilte, nur Monate, schließlich nur Wochen standen zur Verfügung, um die Kinder zu retten."
(Willi Wertheimer)
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Verleihung des Bundesverdienstkreuzes durch den Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in New York, George Federer, an Willi Wertheimer im Jahr 1963.
© 1998-2000 Peter Wanner M.A.
Anfragen und Informationen zum Thema Jüdische Gemeinde bitte direkt an Herrn Gerhard Wanitschek