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Jüdisches Leben in Hardheim
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| Blütezeit im 19. Jahrhundert | Die Verfassung der Gemeinde Der Leiter der Gemeinde Lehrer, Schächter und Rabbiner |
Die Verfassung der Gemeinde
Mit der zunehmenden Gleichstellung der jüdischen Bürger erhielten auch die jüdischen Gemeinden Badens ihre rechtliche Struktur.
Schon im sogenannten "Judenedikt" von 1809 wurde als geistliche Oberbehörde für Baden ein "jüdischer Oberrat" mit Sitz in Karlsruhe geschaffen; das Großherzogtum wurde in drei "Provinzsynagogen" unterteilt, denen die Ortssynagogen unterstellt waren. Letztere wurden geführt vom Ortsrabbiner und vom Ortsältesten.
Seit 1833 wurde die Verwaltung der jüdischen Gemeinden von einem auf sechs Jahre gewählten örtlichen Synagogenrat übernommen.
Zu den wichtigsten Aufgaben der Gemeinden gehörte die Organisation des jüdischen Schulwesens; 1876 wurde dann in Baden die konfessionell unabhängige Gemeinschaftsschule eingeführt. Seither wurden Kinder aller Konfessionen nur im Religionsunterricht nicht gemeinsam unterrichtet.
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Das Kriegerdenkmal
Bereits kurz nach ihrer bürgerlichen Gleichstellung im Jahr 1862 hatten die badischen Juden im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 für ihr badisches und ihr deutsches Vaterland gekämpft. Unter den Soldaten aus Hardheim war auch Abraham Strauß, dessen Name sich auf dem heute beim Bahnhof stehenden Kriegerdenkmal verzeichnet findet.
"Als in Hardheim das Denkmal für die Krieger von 1870/71 errichtet wurde, haben wir Buben oft zugeschaut und die Gehilfen bewundert, wie sie aus dem rohen Stein die Konturen herausmeißelten, besonders die vielen kleinen Adler. Die Hauptfigur dieses Denkmals stellt einen auf einem Sockel postierten Krieger dar, der eine Fahne um sich geschlungen hat und eine Trophäe in der Hand hält. Eines seiner Beine war etwas vorgerückt.
Als das Denkmal fertig an seinem Platz stand, drängten sich viele Leute herum und zerbrachen sich den Kopf darüber, was wohl der Krieger darstelle. Sie sagten: »vorstelle«. Als niemand eine befriedigende Antwort gab, platzte Moses Schwarzmann, Inhaber eines Kurz- und Wollwarengeschäftes in Hardheim, mit der tiefsinnigen Bemerkung heraus: »Er stellt das eine Bein vor!«"
(Willi Wertheimer)
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Wahl zum Synagogenrat
Die Wahlen zum Synagogenrat erfolgten jeweils unter Aufsicht von Bürgermeister und Ratschreiber und wurden vom Bezirksamt als Oberbehörde ausgeschrieben und kontrolliert - so auch im nebenstehenden Fall, einem der ältesten Dokumente im Hardheimer Gemeindearchiv zu diesem Thema.
Das Bezirksamt in Walldürn - noch fürstlich-leiningisch - weist hier das Bürgermeisteramt in Hardheim an, für die zurückgetretenen Synagogenratsmitglieder - neben dem Vorsteher Halle werden die Namen Seligmann, Eschelbacher und Schwarzmann genannt - binnen 14 Tagen Neuwahlen durchzuführen und das Wahlprotocoll einzusenden.
Der Leiter der Gemeinde - Lehrer, Schächter und Rabbiner
Wie in anderen ländlichen Gemeinden waren auch in Hardheim verschiedene Funktionen in der Hand des "Judenlehrers" vereinigt - die geistliche Betreuung der Gemeinde, die Erteilung von Religionsunterricht und das Schächten wurden in Hardheim über viele Jahrzehnte hinweg von Emanuel Wertheimer übernommen.
Wertheimer kam 1884 nach Hardheim; er erhielt für seine Dienste als Vorsänger der jüdischen Gemeinde sowie für die Erteilung des Religionsunterrichts 640 M. Jahresgehalt von der jüdischen Gemeinde, wobei die bürgerliche Gemeinde einen Zuschuß gewährte. Nebenverdienste - vor allem durch das Schächten - wurden mit etwa 100 M. angegeben.
"Man respektierte den Führer der geistigen Gemeinde, und die Schüler mußten gehorchen. Man war auch in der ganzen Gemeinde stolz darauf, daß unsere Schule im ganzen Rabbinatsbezirk Mosbach die besten Prüfungsergebnisse hatte. Da wurden Strafen, die vielleicht nicht nötig gewesen wären, oder zu harte Strafen auch verziehen, es gab kaum Beschwerden gegen die Schulautorität" (Willi Wertheimer).
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Emanuel und Nany Wertheimer - der Vater Willi Wertheimers mit seiner dritten Frau. Der langjährige Lehrer der jüdischen Gemeinde in Hardheim liegt auf dem jüdischen Friedhof in Hardheim begraben.
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Das Lehrergehalt 1922
Emanuel Wertheimer war auch zur Zeit der beginnenden Inflation Lehrer in Hardheim; so bittet er im September 1922 um eine Gehaltserhöhung seitens der Gemeinde:
"Hardheim, 18. Sept.
22
Wohllöbl Gemeinderat Hardheim
Bis heute zahlt die politische Gemeinde an mich für Erteilung des Religionsunterrichtes
M. 150. Anläßlich der kolossalen, uferlosen Teuerung u. der Geldentwertung, sowie
ursächlich, daß ich als Religionslehrer, nicht wie andere Beamten gehaltlich
eingruppiert bin, daher ich ein minderes Einkommen habe u. bitte ich wohll. Gemeinderat,
»der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb« obigen Betrag zeitgemäß erhöhen zu
wollen. Im Voraus besten Dank
Hochachtend! Em Wertheimer"
Dem Gesuch wird stattgegeben und das Gehalt auf jährlich 2000 M. erhöht.
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Der Gemeindezuschuß
Im Jahr 1913 wehrt sich die jüdische Gemeinde in Hardheim gegen eine Kürzung des Zuschusses zum Religionsunterricht und bringt eine Reihe von Argumenten dagegen vor:
"1) Wie bekannt ist
unsere Gemeinde eine sehr kleine, u. stetig an Mitgliedern abnehmende
2) Sie zählt wenig steuerkräftige Familien u. auf nur wenigen Schultern lasten die hohen
Kultusumlagen.
3) Nachweislich haben wir einen Jahres Etat von 1400 M.
4) Würde der seitherige Zuschuß von Seite der politischen Gemeinde in Wegfall kommen, so
kämen wir in die Lage, unserem Herrn Lehrer, der über 30 Jahre pflichttreu seines Amtes
waltete, das so schon schwache Gehalt nicht mehr voll bezahlen zu können.
5. Der Religionsunterricht für jede Konfession ist obligatorisch-staatlich gesetzlicher
Faktor u. wesentlicher Teil des Gesamtunterrichtes. Es ist daher ein Akt der Billigkeit u.
Rechtlichkeit von Seite der politischen Gemeinde, wenn sie mit einem gedachten Betrag für
den isr. Religionsunterricht partizipiert.
6) Fließen doch alle Gemeindeumlagen unterschiedslos in die Gemeindekasse; u. bei
näherer Prüfung erhellt, daß die jüdische Gemeinde - für viele Institutionen in der
politischen Gemeinde beitragspflichtig - trotzdem sie von derselben weder moralischen oder
sozialkommunalen Nutzen zieht ihr noch niemals eingefallen, deshalb bezügliches Interesse
oder Beihilfe zu entziehen, nicht mitzuwirken für das Ganze.
7. Ferner sei erwähnt, daß die jüdischen Steuerzahler noch heute, u. namentlich früher
prozentual einen wesentlichen Steuerfaktor für die Kommunal-Gemeinde-Bedürfnisse
präsentieren. (...) Hardheim als von jeher als tolerante, human geltende Gemeinde, wird
daher sicherlich keine bez. Ausnahmestellung seinen jüdischen Bürgern gegenüber
einnehmen."
(GA Hardheim I A 174)
Hardheim um die Jahrhundertwende
Durch die liberale Politik der Großherzöge Friedrich I. und Friedrich II. wurde in Baden ein Klima geschaffen, das ein gleichberechtigtes und relativ harmonisches Verhältnis von christlicher und jüdischer Bevölkerung begünstigte. Auch in Hardheim scheint die Zeit von 1862 bis zur Jahrhundertwende von einer bis dahin nicht gekannten Toleranz und Akzeptanz der jüdischen Bevölkerung geprägt gewesen zu sein.
Ausdruck dieser Geisteshaltung war eine gewisse Achtung, die sich nicht nur die kirchlichen und jüdischen Würdenträger - beispielsweise anläßlich des Besuchs des Freiburger Weihbischofs in Hardheim im Jahr 1905 -, sondern auch die Gemeindemitglieder gegenseitig zollten. Bei Prozessionen an kirchlichen Feiertagen standen die jüdischen Kinder ehrfurchtsvoll an den Fronten der Häuser und entblößten das Haupt. An einem Sederabend wurde der Sohn des katholischen Hauswirts der Wertheimers eingeladen, die Wertheimerkinder feierten das Weihnachtsfest zusammen mit der Hauswirtsfamilie.
Der enge Kontakt half, Vorurteile gegenüber den religiösen Bräuchen der anderen Glaubensgemeinschaft abzubauen. Zu dieser Zeit war es für die Hardheimer auch selbstverständlich, daß jüdische Kinder die katholische Kinderschule besuchten und dort mit katholischen Bräuchen und Gebeten vertraut wurden.
In den örtlichen Vereinen waren jüdische und christliche Hardheimer vertreten. Man spielte im Wirtshaus Karten, schwatzte miteinander und machte gemeinsame Spaziergänge. Bei Festen des Radfahrer-, Turn- oder Kriegervereins trafen sich christliche und jüdische Mitbürger.
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Der Besuch des Bischofs
"Etwa 1905 kam Seine Hochwürden, der Weihbischof von Freiburg, zur Firmung nach Hardheim. (...) Mein Vater schrieb herzliche Begrüßungsworte der jüdischen Gemeinde mit Versen aus Psalmen und dem Propheten Maleachi in hebräischen Buchstaben. Ein Schild mit diesen Begrüßungsworten wurde über der Straße zwischen dem Schuhgeschäft Strauß (Dilsheimer) und der Werkstätte des Uhrmachers Gärtner aufgehängt. Der Bischof soll sehr gerührt und darüber erfreut gewesen sein. Auch die Einwohner und die vielen auswärtigen Gäste, die zu diesem seltenen Besuch eines solchen Würdenträgers gekommen waren, waren tief beeindruckt von solchen Worten."
(Willi Wertheimer)
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Bei der Feuerwehr
Wie in anderen Vereinen, so waren auch bei der Hardheimer Feuerwehr um die Jahrhundertwende zahlreiche jüdische Mitbürger vertreten; schon zu den Gründungsmitgliedern im Jahr 1863 zählten sechs Juden. Bezogen auf den Bevölkerungsanteil waren die jüdischen Hardheimer in der Feuerwehr sogar überproportional vertreten.
Im Jahr 1903 wurde Moses Strauß ein Ehrenabzeichen für seine 15jährige Dienstzeit verliehen; im Festkomitee für das 50jährige Stiftungsfest im Jahr 1913 war auch Jakob Urspringer vertreten; zu den "Festjungfern" zählten auch Emma Billigheimer (1. Reihe, 2. von links) und Klara Strauß (mittlere Reihe, 5. von links).
Allerdings war es in der Anfangszeit auch zu unschönen Zusammenstößen zwischen Feuerwehr und jüdischen Bürgern gekommen: Im November 1864 weilte der Großherzog Friedrich von Baden in Hardheim und die Feuerwehr hatte zur Begrüßung ein Spalier gebildet, dem Hardheimer Bürger Samuel Billigheimer und seiner Frau aber den Durchgang verwehrt, woraufhin Billigheimer die Feuerwehrleute beschimpfte. Er wurde dafür im Februar 1865 mit einer Haftstrafe von sechs Tagen bestraft.
Die jüdische Gemeinde um die Jahrhundertwende
Seit Ende des 19. Jahrhunderts ging die Mitgliederzahl der Hardheimer Gemeinde stetig zurück. Dennoch plante man zeitweise sogar einen Synagogenneubau, sah jedoch dann wieder davon ab.
Die jüdischen Kinder wurden ebenso wie ihre christlichen Altersgenossen in patriotischem Geist erzogen. Man fühlte sich als deutscher Staatsbürger jüdischer Religion. Militärische Spiele und das Singen patriotischer Lieder waren üblich. Die häufig in der Region durchgeführten Manöver begeisterten die jüdische und christliche Jugend gleichermaßen und stachelten ihren patriotischen Stolz an.
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Patriotismus im Kaiserreich
"Von früher Jugend auf wurden wir in Schule und Elternhaus patriotisch erzogen. Wir spielten »Soldaterlis«. Soweit wir Geld hatten, kauften wir uns bei Greulich oder sonstwo Uniformstücke, Säbel, Helme der verschiedensten Waffengattungen, Koppel mit den dazugehörigen Trotteln und auch kleine Gewehrchen zum Schießen mit Pulverkapseln (...). Da exerzierten wir nun, sangen patriotische Lieder und spielten auch Krieg. (...)
Alle vier Jahre, während des Divisionsmanövers, stand der Schloßplatz auch im Mittelpunkt des Geschehens. Da gaben Militärkapellen auf dem Schloßplatz oder am »Badischen Hof« Konzerte. (...) Wenn dann am Nachmittag die Soldaten einrückten, war alles auf den Beinen, und wir Jugendlichen waren stolz auf unsere Soldaten. Besonders interessierten mich die fahrenden und berittenen Truppen wie Kavallerie und Artillerie. Bei den Konzerten waren wir natürlich mit dabei; die Märsche steigerten unseren Patriotismus bis zur Gluthitze."
(Willi Wertheimer)
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Kinder des katholischen Kindergartens in Hardheim; 1902
Willi Wertheimer ist auf diesem Bild das zweite Kind rechts neben der Schwester: "Noch bevor ich in die Volksschule kam, hatte ich die katholische Kinderschule besucht. Außer mir waren da noch zwei weitere jüdische Kinder, Ludwig Strauß und seine Schwester Johanna. Wir jüdischen Kinder waren in der Kinderschule sehr gern gesehen, die Schwestern lobten uns, da wir das »Vater unser« so schön sagen konnten. Ludwig und ein weiterer jüdischer Mitschüler, Alfred Eschelbacher, waren dann mit mir in derselben Volksschulklasse."
(Willi Wertheimer)
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Schulkinder des Jahrgangs 1892/93 in Hardheim; um 1900
Christliche und jüdische Schulkinder besuchten zusammen die Hardheimer Volksschule; nur der Religionsunterricht wurde getrennt erteilt. Und so finden sich auch auf allen Klassenbildern aus dieser Zeit jüdische Kinder - hier Oskar Eschelbacher (vordere Reihe, 2. von links), Anselm Wertheimer (Bruder von Willi Wertheimer und im Ersten Weltkrieg gefallen; in der hinteren Reihe der dritte rechts neben Lehrer Henn) und Josef Strauß (rechts neben Anselm Wertheimer).
© 1998-2000 Peter Wanner M.A.
Anfragen und Informationen zum Thema Jüdische Gemeinde bitte direkt an Herrn Gerhard Wanitschek