Erfatal-Museum Hardheim
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Ausstellungstexte: Gesamttext ohne Abbildungen

Das Erfatal-Museum Hardheim

"Heimlicher Sammeleifer hat manche Zeugen ferner Tage zusammengetragen und ihnen in den stillträumenden Höhen unter den gewaltigen Balken des Schloßspeichers, in einem kleinen Stübchen, ein heimlich Wohnplätzchen gegeben..."

Mit diesen poetischen Worten hat vor siebzig Jahren August Vogel die Anfänge des heutigen Erfatal-Museums im Turmzimmer des Hardheimer Schlosses beschrieben.

Heute verbirgt sich das Museum nicht mehr im "heimlichen Wohnplätzchen" - es hat sich zum modernen Museum entwickelt, das nicht allein Ort des Sammelns und Bewahrens ist, sondern auch Ort der Erfahrung, der Unterhaltung, der Begegnung und des Lernens.

Das Erfatal-Museum zeigt Erstaunliches und Spannendes, Vertrautes und Unbekanntes aus Geschichte und Gegenwart, Handwerk und Landwirtschaft, Hardheim und der Welt; es will den Besucher einführen in das Leben einer Gemeinde und einer Region, ihn zum Staunen bringen und manchmal auch zum Nachdenken.

Exponattexte

G 0.2

Zunfttruhe der Hardheimer Schuhmacher und Schönfärber; 1832

In den alten Handwerkerzünften wurden in der Zunfttruhe wichtige Dokumente wie der Zunftbrief und bedeutungsvolle Gegenstände wie das Siegel der Zunft aufbewahrt. Auch das Geldvermögen der Zunft fand darin seinen Platz - in dieser Tradition bittet die Truhe der Hardheimer Schuhmacher und Schönfärber den Besucher des Erfatal-Museums um einen kleinen Beitrag, damit im Museum nichts zusammengeschustert oder schöngefärbt werden muß


G 1/2

Hardheim und seine Ortsteile

Seit 1975 besteht die Gemeinde Hardheim aus acht bis dahin selbständigen Ortsteilen: Bretzingen, Dornberg, Erfeld, Gerichtstetten, Hardheim, Rütschdorf, Schweinberg und Vollmersdorf; schon seit dem Mittelalter gehört Rüdental zu Hardheim, seit 1924 auch der Hof Breitenau. Die Gemeinde zählt heute zum Neckar-Odenwald-Kreis (Region Unterer Neckar, Regierungsbezirk Karlsruhe).


G 6

Erste Erwähnungen

In der Lokalgeschichtsschreibung spielt die erste Erwähnung eines Ortes eine große Rolle. Sie allein kann Alter und frühe Entwicklung einer Siedlung auf das Jahr genau belegen. Und nur durch sie kann ein Jubiläum gefeiert werden.

Verschiedene Forscher haben Hardheim 1200 Jahre alt gemacht: im Lorscher Codex wird im Jahr 765 ein Hartheim erwähnt. Aber mit diesem Hartheim ist eine heute nicht mehr bestehende Wüstung bei Mosbach gemeint.

In einer Urkunde Kaiser Otto III. werden Hardheim und Erfeld im Jahr 996 am 18. Dezember erwähnt - aber von dieser Urkunde gibt es nur eine Abschrift. Außerdem ist sie nachweislich gefälscht: das Kloster Amorbach wollte dadurch verschiedene Gebiets- und Herrschaftsansprüche im Streit mit dem Bistum Würzburg auf seine Seite ziehen.

Tatsächlich liegt die erste Erwähnung Hardheims noch später. Und läßt sich nicht auf ein bestimmtes Jahr festlegen. In den Amorbacher Traditionsnotizen heißt es nur: "Dominus Bruno abbas comparauit allodia hominum (...) aliud in Harthem" - "Herr Abt Bruno kaufte Allodialgüter aus Privathand (...) ein anderes in Hardheim"

Dieser Herr Bruno war von 1050 bis 1062 Abt des Klosters Amorbach.

Ebenfalls erstmals erwähnt werden hier auch Vollmersdorf und Bretzingen.

Exponattexte

G 6.1

Urkunde Kaiser Ottos III.; 18. Dezember 996 (Kopie)

Die gefälschte Urkunde, die diesem Eintrag zugrunde liegt, sollte Rechts- und Besitzansprüche des Klosters Amorbach unter anderem in Hardheim absichern.
(Staatsarchiv Würzburg, Würzburger Standbuch 772, Blatt 46 - 47)

G 6.2

Amorbacher Traditionsnotizen; 13. Jahrhundert

In einer Handschrift des Klosters Amorbach, die eine Abschrift der "Confessiones" des Augustinus enthält, finden sich auf der Rückseite des letzten Blattes und der Innenseite des hinteren Buchdeckels diese Notizen, in denen verschiedene Besitzungen des Klosters zusammengestellt werden - unter anderem auch in Hardheim.
(Universitätsbibliothek Würzburg, Sign. M p th f 71)


G 3

Frühe Spuren

Erste Spuren haben Menschen im Erfatal schon vor etwa 5000 Jahren hinterlassen: Werkzeuge aus Stein.

Aber erst mehr als zweieinhalb tausend Jahre später häufen sich die Funde: keltische Gräber in Erfeld und Schweinberg, und die keltische Viereckschanze von Gerichtstetten.

Die Kelten sind das älteste Volk Mitteleuropas, dessen Name überliefert ist - allerdings nicht durch die Kelten selbst, die die Schrift noch nicht kannten.

Um die Jahrhundertwende wurde bei Gerichtstetten die erste keltische "Viereckschanze" ausgegraben; damals war die Nutzung der Anlage unklar. Man dachte an eine militärisch genutzte Schanze - deshalb der Name. Heute überwiegt die Ansicht, die Viereckschanzen hätten kultischen Zwecken gedient.

Ein Steinbau, dessen Mauern ebenfalls in der Schanze entdeckt wurden, galt vor 90 Jahren als Sensation: man sah darin das älteste aus Stein gebaute Haus Südwestdeutschlands. Heute vermutet man allenfalls ein Gebäude aus römischer Zeit - ein Vorposten des Limes? - oder gar erst des frühen Mittelalters.


G 5

Römer und Germanen

Niemand weiß, wann die keltische Besiedlung des Erfatals ihr Ende gefunden hat.

Die möglicherweise römischen Stücke aus der Viereckschanze von Gerichtstetten legen deren Nutzung auch in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung zwar nahe, ohne jedoch konkret etwas über die Bewohner zu dieser Zeit - Kelten, Römer oder Germanen? - zu sagen.

Auch eine römische Pflugschar aus Hardheim gibt uns wenig Auskunft.

Wahrscheinlich erscheint lediglich, daß das karge Ackerland des Erfatals in den Jahrhunderten nach dem Einfall der Alamannen in das römische Land hinter dem Limes und nach dem Rückzug der Römer hinter den Rhein noch dünner besiedelt war als andere Gebiete in der beginnenden Zeit der Völkerwanderung.

Exponattexte

G 3.1

Die Gerichtstettener Viereckschanze - angelegt wohl im ersten Jahrhundert vor Christi Geburt - und der etwa 10 km westlich davon verlaufende Limes, die Grenze des römischen Weltreichs zwischen etwa 160 und 260 n.Chr. Römische Funde aus der Gerichtstettener Viereckschanze - eine eiserne Kreuzhacke und mehrere eiserne Balkenklammern - belegen möglicherweise die Nutzung der Anlage auch noch in römischer Zeit.

G 5.1

Römische Pflugschar; undatiert (vor 300 n.Chr.?)

Das einzige bekannte römische Fundstück aus Hardheim selbst - gefunden in den sechziger Jahren beim Bau einer Werkstatt an der Erfa - wirft viele Fragen auf: Kam die Pflugschar noch zu römischer Zeit in das Gebiet vor dem Limes oder erst später? Wie lange wurde die Pflugschar - die in ähnlicher Form noch im frühen Mittelalter gebraucht wurde - benutzt? Lassen sich daraus Folgerungen für die frühmittelalterliche Besiedlung des Erfatals ziehen?


G 8

Streit um Hardheim

Die Jahrhunderte des hohen Mittelalters bis zur frühen Neuzeit hin waren im Erfatal geprägt durch die Herrschaftskonkurrenz verschiedener Hoch- und Niederadelsgeschlechter und der Bistümer Mainz und Würzburg.

Die unklaren Herrschaftsverhältnisse in Hardheim haben verschiedene Ursachen; am wichtigsten ist dabei wohl, daß es im Land zwischen Neckar, Main und Tauber kaum Reichsgut gab, also kein Land, das dem König direkt "gehörte".

Dafür gab es viele "Edelfreie", Adlige mit oft großem Grundbesitz. Auf diesem Grundbesitz war der Eigentümer auch Herr und übte alle herrschaftlichen Rechte - z.B. die Gerichtsbarkeit - aus. Zu diesen Edelfreien zählten im Bauland vor allem die Edelfreien von Dürn, wohl aber auch die früh ausgestorbenen Herren von Schweinberg.

Zur Verwaltung all ihrer Rechte und Besitzungen setzten diese Edelfreien schon im 12. Jahrhundert Dienstleute ein: Ministerialen. Zu den Ministerialen der Dürn gehörten auch die 1197 erstmals erwähnten Herren von Hardheim.

Neben die weltlichen Herren tritt auch die Kirche in Konkurrenz um die Herrschaft über Land und Leute. Dabei treffen im Bauland die Bischöfe von Mainz und Würzburg als direkte Gegner aufeinander - nicht nur im Streit um die Ausdehnung der Diözesen, sondern auch um die Vorherrschaft in diesem Raum.

Der Erzbischof von Mainz spielte als Reichskanzler und später als Kurfürst auch in der Reichspolitik eine tragende Rolle; dem Bischof von Würzburg hatte der Stauferkaiser Friedrich Barbarossa im Jahre 1168 den Titel eines Herzog von Franken verliehen und damit das Bestreben der Bischöfe von Würzburg unterstützt, oberste Herren im Bereich ihrer Diözese zu sein.

Exponattexte

G 8.1

Die Lehenspyramide am Beispiel von Hardheim könnte in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts so ausgesehen haben:
An der Spitze steht der Kaiser - hier Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1152 - 1190; Wappen Kaiser Heinrichs VI., 1190 - 1197).
Der Kaiser ist oberster Lehensherr beispielsweise des Bischofs von Würzburg (z.B. Bischof Herold, 1168; Wappen des Bischofs Hermann (II.) von Lichtenberg, 1333 - 1335/Auswahl: Johann von Brunn, 1411 - 1440), der vom Kaiser auch mit dem Titel eines Herzogs von Franken belehnt wurde, und des Erzbischofs von Mainz (z.B. Christian von Buch, + 1183; Wappen des Erzbischofs G. F. v.Greiffenclau-Vollraths von Mainz).
Darunter stehen als Kron- und teilweise als Aftervasallen verschiedene fränkische Edelfreie - hier als Beispiele Kraft von Schweinberg (1168), Rupert von Dürn (1197; Wappen des Boppo von Dürn, 1313) und Wolfram, Graf von Wertheim (+ 1157; Wappen von 1210/20).
Auf der nächsten Stufe stehen Ministeriale (ursprünglich unfreie Dienstleute), die in den Niederadel aufsteigen - z.B. Aplo von Rosenberg (+ 1178; Wappen Eberhard von Rosenberg 1327), Heinrich von Hardheim (1197) und Eberhard von Berlichingen (1212).
Die Basis der Pyramide und damit des mittelalterlichen Gesellschaftsaufbaus bilden die bäuerlichen Hintersassen: mehr als 90 % der Bevölkerung sind abhängig von mehreren Herren und häufig unfrei.

G 8.3

Halsgeige; 18. Jahrhundert

Die Halsgeige ist ein Teil des Prangers - mit ihr wurde ein Verurteilter an einem öffentlichen Platz angekettet, in Hardheim auf dem Schloßplatz. Der dazugehörige Stein ist noch heute an der nordwestlichen Ecke des Museumsgebäudes, neben dem alten Ortskerker, zu sehen.
Der Pranger entsprach als Strafe dem mittelalterlichen Rechtsempfinden: der öffentlich ausgestellte Verbrecher war der Rache aller ausgesetzt.


G 9

Die Herren von Hardheim

Die Herren von Hardheim waren zu Beginn ihrer Familiengeschichte keine Adligen, sondern Unfreie. Sie dienten den Edelfreien von Dürn in der Verwaltung ihrer Besitztümer und Rechte.

Eine solche Stellung wurde im Mittelalter aber häufig zum Familienerbe; außerdem nannte sich die Familie nach ihrem Amtssitz, so wie das auch die Adligen taten. Und nach einigen Generationen war die ursprüngliche Unfreiheit vergessen, die Familie war in den Niederadel aufgestiegen.

So auch die Familie von Hardheim: Heinricus von Hardheim, 1197 Zeuge einer Urkunde Rupert I. von Dürn, ist Dienstmann des letztgenannten. Als die Familie Dürn 1323 ausstirbt, erhalten die Nachkommen des Heinricus, die Brüder Werner und Reinhard von Hardheim das Obere bzw. das Untere Schloß zu Lehen.

Sie heißen inzwischen Miles - Ritter - und kümmern sich so wenig um ihre obersten Lehensherren, daß Werner 1324 sein Schloß und den damit verbundenen Herrschaftsanteil einem neuen Lehensherrn aufträgt und von diesem wieder verliehen bekommt - dem Erzbischof von Mainz, dem schärfsten Konkurrenten des Bischofs von Würzburg um die Vorherrschaft im Bauland.

Damit hat Hardheim zwei oberste Lehensherren - den Bischof von Würzburg, vertreten durch den Grafen von Wertheim, der sein Lehen an Reinhard von Hardheim gegeben hat, und den Erzbischof von Mainz, vertreten durch Werner von Hardheim.

Exponattexte

G 7.3

Funde aus dem Graben der Unteren Burg

Im April 1989 führte das Landesdenkmalamt Karlsruhe am Steinernen Turm in Hardheim eine Grabung durch, die einige Aufschlüsse über die Untere Burg ergab. Dabei wurden - wohl im Zusammenhang mit einer Latrine an der ehemaligen Burgmauer - sehr viele Gegenstände gefunden, meist Keramik, wenig Glas und Metall.

Einige Scherben gehen vermutlich auf die Frühphase der Anlage in romanischer Zeit zurück und sind weit älter als die erste Erwähnung der Unteren Burg aus dem Jahr 1326. Die Mehrzahl der Funde stammt jedoch aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts und damit aus der Zeit nach der 1444 berichteten Zerstörung der Burg - sie wurde offensichtlich auch nach diesem Datum noch genutzt.

 


G 10

Schweinberg, Boxberg, Wertheim

Die Familie derer von Schweinberg zählte offensichtlich zu den edelfreien - schon früh adligen - Geschlechtern der Gegend.

Darauf deuten die frühe Erwähnung - sicher 1137, vielleicht schon im 11. Jahrhundert - aber auch der Kreis der engeren Verwandtschaft: die Edelfreien von Boxberg, von Krautheim, von Dürn und möglicherweise die Grafen von Wertheim.

Allerdings kennen wir nur zwei - oder drei - Angehörige dieser Familie, denn der letzte von Schweinberg - Kraft II. - starb im Gefolge des Stauferkaisers Friedrich Barbarossa 1168 in Italien. Die Schweinberger Burg, die wohl in dieser Zeit ausgebaut wurde, fiel an seinen Schwager, Konrad von Boxberg.

Andere Teile der Schweinberger Herrschaft gehen an die Edelfreien von Dürn und die Grafen Wertheim. Alle wichtigen Adelsfamilien der Region waren vielfach miteinander versippt und verschwägert, was Erbstreitigkeiten und Herrschaftsansprüche nicht einfacher machte.

Der Stammsitz der Edelfreien von Schweinberg - dessen Reste heute noch stehen - fiel so auf Umwegen schließlich an die Grafen von Wertheim und blieb damit möglicherweise "in der Familie", da einige Forscher die Meinung vertreten, daß die Grafen von Wertheim aus der Schweinberger Familie stammten.

Mit dieser Burg waren - neben Herrschafts- und Besitzansprüchen - vor allem Amt und Würden des Erbkämmerers des Herzogtums Franken verknüpft. Deshalb betrachtete sich der Bischof von Würzburg auch als Lehensherr der mit Schweinberg verbundenen Besitzungen.

Exponattexte

G 10.2

Urkunde des Bischofs Embricho von Würzburg; 5. Mai 1137

In der Zeugenreihe dieser Urkunde werden erstmals Wolfram und Kraft von Schweinberg - Wolframus et frater eius Craift de Swenenburg - genannt.
(Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, Bamberger Urkunde 203/I)

G 10.3

Urkunde König Konrads III.; 1144

Unter den Zeugen dieser Urkunde erscheinen Graf Wolfram (von Wertheim) und direkt nach ihm Kraft von Schweinberg - aus diesem Grund wurde schon mehrfach vermutet, daß die Familie der Grafen von Wertheim aus der Familie der Herren von Schweinberg hervorgegangen sei.
(Hohenlohe-Zentralarchiv Neuenstein, GA 23 II/1)

G 10.5

Kapitell der Stützsäule eines gekuppelten Fensters; spätromanisch, Ende 12. Jahrhundert

Teile aus der Schweinberger Burg wie dieses kunstvolle Kapitell oder das Gesimsornament auf der Rückseite zeigen, daß die Erbauer der Burg vor 800 Jahren zu den großen und reichen Herren zählten.
Dennoch war dieses Fenster zur Zeit der Erbauung des Palas der Schweinberger Burg nicht verglast, so daß bei schlechter Witterung und im Winter die Öffnung durch einen Fensterladen verschlossen werden mußte.


G 11

Schlösser und Burgen

Über Jahrhunderte hinweg waren Schlösser und Burgen der Adligen nicht nur Befestigungen zur Verteidigung. Sie waren auch Symbol der Herrschaft des Herren über seine bäuerlichen Untertanen.

In Hardheim selbst gibt es heute noch außer dem Schloß den Turm einer zweiten Burg, die möglicherweise schon im 11. Jahrhundert entstanden ist. Diese Untere Burg war im 14. Jahrhundert ein Würzburg-Wertheimer Lehen in der Hand der Herren von Hardheim.

Als der Würzburger Bischof im 15. Jahrhundert versucht, seine alten Lehen wieder in die Hand zu bekommen, wird die Burg in einer Fehde "zerstört" (1444); allerdings kann sie nicht vollständig zerstört worden sein, da sie auch danach noch bewohnt wurde. 1447 kauft der Bischof dann die Burg; wann sie endgültig zerstört wurde ist nicht bekannt.

Von der zweiten Burg in Hardheim - die "Obere Burg" des 14. Jahrhunderts - kennen wir nur noch den Standort: sie wurde wohl im 16. Jahrhundert abgetragen und durch das heutige Schloß ersetzt.

Der heute noch genutzte Schloßbau von 1561 sollte wohl vor allem den Aufstieg der Herren von Hardheim in die Ritterschaft dokumentieren - allerdings starb schon wenige Jahrzehnte danach der letzte Ritter von Hardheim, der Schloßbau war dann nur noch Verwaltungsgebäude, im letzten Jahrhundert Schule und ist inzwischen Rathaus der Gemeinde Hardheim.

Die dritte Burg auf Gemeindegebiet - in Schweinberg - dürfte die älteste und im hohen Mittelalter auch die bedeutendste gewesen sein. Sie geht ebenfalls ins 11. Jahrhundert zurück und ist als Sitz eines edelfreien Geschlechtes von großer Bedeutung. Sie scheint in staufischer Zeit noch einmal ausgebaut worden zu sein, war später Amtssitz von Wertheimer Ministerialen - die sich dann auch von Schweinberg nannten -, wurde 1437 zerstört und wieder aufgebaut. Im 17. Jahrhundert wird sie als baufällig bezeichnet.

Exponattexte

G 11.1

Wappen der Herren von Hardheim; erste Hälfte des 16. Jahrhunderts

Eine der wohl ältesten erhaltenen Darstellungen des Wappens der Herren von Hardheim - ein weißer Turm in rotem Schild - findet sich auf einem Wirtschaftsgebäude in Schloß Domeneck bei Züttlingen an der Jagst, das 1534 an die Herren von Hardheim kam.


G 12

Herr und Bauer: mittelalterliche Herrschaft

"»Niemand kann zween Herren dienen« heißt ein viel gebrauchtes Wort; für den Bauer des 16. Jahrhunderts und der folgenden Jahrhunderte bis ins 19. hinein galt das nicht: der mußte oft genug nicht nur zweien, sondern vier und fünf und noch mehr Herren dienen, nämlich abgesehen vom Kaiser einem Landesherren, unter dem häufig ein Dorfherr stand, einem oder mehreren Zehntherrn, dem Grundherrn, dem Leibherrn, ganz abgesehen davon, daß er dem Schultheißen und dem Gericht seiner Gemeinde und den Bürgermeistern und so manchen andern Dorfherrn zwar nicht zu dienen, aber je nach Lage der Dinge zu gehorchen hatte."

So faßt Theodor Knapp - der Schwiegervater des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuß - die Lage des mittelalterlichen Bauern zusammen. Und es fehlt hier der Raum, auch nur annähernd die Herren aufzuzählen, denen ein Bauer in Erfeld oder Bretzingen, Hardheim oder Schweinberg dienen mußte.

Und diese Herrschaftsverhältnisse galten nicht nur im Mittelalter: noch vor 150 Jahren mußten die Hardheimer Bauern den Zehnten ihrer Erträge abliefern, und die Gültablösungen aus der Grundherrschaft zogen sich bis in die Zeit des Kaiserreichs hinein.

Diese Abgaben und Dienste bedeuteten über Jahrhunderte hinweg für die Bauern Last und Mühsal.

Gegen sie wendeten sie sich im großen Bauernaufstand von 1525, aber auch in der Revolution von 1848: während in den Städten um Pressefreiheit und Parlamentisierung gekämpft wurde, stürmten die Hardheimer Bauern den Zehntspeicher der Zehntherren - der Fürsten zu Leiningen - und leerten ihn. Außerdem verbrannten sie die alten Akten, in denen die Feudallasten verzeichnet waren.

Exponattexte

G 12.5

Die Stellung des Bauern im mittelalterlichen Herrschaftssystem - am Beispiel des Dorfes Bretzingen im 15. Jahrhundert.

Ein Bauer in Bretzingen konnte im 15. Jahrhundert folgende Herren haben: Landesherr in Bretzingen war seit 1294 (und bis 1656) der Erzbischof von Mainz, Kirchenherr war das Domkapitel in Würzburg. Leibherr war unter anderem im Jahr 1561 der Abt des Klosters Amorbach, Grundherr neben vielen anderen beispielsweise im Jahr 1408 Heinz Stumpf von Schweinberg. Die Gerichtsherrschaft lag um 1440 beim Abt des Klosters Amorbach und Ortsherren waren 1409 Werner von Hardheim und Arnold von Rosenberg.

G 12 / 3

Mittelalterliche Herrschaft - Beispiel Steinemühle 1482

Ein Beispiel für die komplizierte Regelung der verschiedenen Herrschaftsbereiche im ausgehenden Mittelalter ist ein Lehensbrief des Ritters Georg (II.) von Hardheim über seine Hälfte der Steinemühle.
Diese Mühle wurde erstmals 1322 erwähnt und ist bis ins 17. Jahrhundert an die beiden Hardheimer Schlösser gebunden - die eine Hälfte der Mühle geht zusammen mit dem Unteren Schloß von Würzburg, die andere zusammen mit dem Oberen Schloß von Wertheim bzw. Mainz zu Lehen.
Der Lehensbrief des Ritters Georg von Hardheim aus dem Jahr 1482 betrifft die Hälfte der Mühle, die zum Oberen Schloß gehört. Dieses Lehen wird in Erbpacht auf Conz (Kunz) Beger übertragen.
Zur Mühle gehören folgende Güter, die mit den jeweiligen Abgaben in dem Lehensbrief aufgeführt werden:
- ein Krautgarten bei der Mühle;
- 3 Morgen Acker (ca. 1 ha) in der "Buchelden wenden auf Contz Mühlichen"; Abgabe: 3 Simmer (ca. 45 l) flürlichen Zins an den Kaplan zu Schweinberg;
- 1 Morgen Acker (ca. 0,36 ha) am "rothen Rein";
- 2 Morgen Acker (ca. 0,72 ha) "im sauren flur am fartwega, wendt uf Henslein Loer";
- 1 Morgen Acker (ca. 0,36 ha) bei der Gerbigsmühle; Abgabe: 6 Pfennig Zins dem Altar der hl. Agnes in der Spitalkirche in Hardheim.
- 3/4 Morgen (ca. 0,27 ha) Weingarten "am Schmalenberg";
- "Wißflecklein zwischen den Mühlen-Bechen".

Jährliche Abgaben für die Mühle:
- 10 Malter Korn (ca. 1500 l) in das Ober- und das Unterschloß in Hardheim;
- 10 Malter Kornmehl (ca. 1500 l) in das Ober- und das Unterschloß in Hardheim;
- 2 Simmer Mußmahl (ca. 30 l) auf Jakobi in jedes Schloß
- 12 Tournos (= 96 Pfennig, also 0,8 Gulden)
- 4 Kapaune in jedes Schloß

Für beide Schlösser, ihre Untertanen und die Höpfinger gilt Mahlzwang in der Steinemühle; zudem sind der Müller und seine Erben von Diensten gegenüber dem Grundherrn - auch Vorspanndiensten - befreit.

G 14.1

Grenzstein; 1594

Im Jahr 1594 wurde in Hardheim anläßlich einer "Inventur" der Besitz der Herren von Hardheim in einer Güterbeschreibung festgehalten. Offensichtlich wurden dabei auch verschiedene Güter durch Steine markiert - aus diesem Jahr stammt auch dieser Stein mit der Signatur LM 1594.

G 14.2

Grenzstein; Ende 16. Jahrhundert

VH steht auf diesem Grenzstein wie das Wappen mit dem Turm für den Besitz des (Georg Wolf) V(on) H(ardheim), APVL und das Wappen mit dem Sparren und den Schindeln für seine dritte Frau A(nna) P(hilippa) V(on der) L(eyen).

G 14.3

Grenzstein; 1594

I(örg) W(olf von Hardheim) grenzt mit diesem Stein seine Güter vom Gebiet der Würzburger Bischöfe ab, die als Wappen den "fränkischen Rechen" führen, das Symbol des Herzogtums Franken.


G 13

Bauer und Herr: Bauernkrieg

Das 16. Jahrhundert beginnt in Franken für die Bauern mit großer Not: Mißernten und höhere Abgaben verschlechtern ihre Lage. Auch kündigt sich ein großer Umbruch an: das mittelalterliche Weltbild kommt durch humanistische und reformatorische Gedanken ins Wanken, der Buchdruck trägt sie bis ins kleinste Dorf.

Zum ersten Mal kommt die Bewegung in der Bauernschaft in der Verehrung des Pfeifers von Niklashausen zum Ausdruck: Hans Böheim predigt im Taubertal Entsagung und wendet sich damit gegen die Ausschweifungen der geistlichen und weltlichen Herren. Der Bischof von Würzburg läßt ihn am 19. Juli 1476 auf dem Scheiterhaufen hinrichten.

Weitere Aufstände unter dem Zeichen des Bundschuh - dem Schuhwerk des einfachen Mannes - mehren sich; Martin Luther predigt die Reformation der Kirche und die Freiheit des Christenmenschen. In Südwestdeutschland und in Thüringen brechen im Frühjahr 1525 große Aufstände aus.

Die Bauern finden ihre Forderungen in den Zwölf Artikeln, die als gedruckte Flugschrift überall Verbreitung finden: freie Wahl des Pfarrers, der Zehnte nur zur Finanzierung der Kirche, Aufhebung der Leibeigenschaft, freie Jagd, Fischerei und Waldnutzung, Reduzierung von Abgaben und Diensten, Gerichtsbarkeit nach älteren (germanischen) Gerichtsordnungen - das sind die "revolutionären" Forderungen der Bauern.

Ende April 1525 plündern die Bauern der Umgegend das Obere Schloß in Hardheim; Anführer war Mathes Beyer aus Schweinberg. Anfang Mai wird der kleine Bauernhaufen des Erftals nach Würzburg gerufen, wo die Bürger der Stadt sich gegen den Bischof auf der Marienburg mit den Bauern verbrüdert haben. Bei den Bauern sind sogar Angehörige des niederen und hohen Adels, teils freiwillig, teils gezwungenermaßen - so auch der Graf Georg von Wertheim und der Ritter Hans von Hartheim.

Das Ende des Aufstands: nach der "Bluttat von Weinsberg", einzige Greueltat der Bauern, schlagen die Herren zurück, unterstützt von Luthers Schrift "Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern". Am 2. Juni 1525 kommt es bei Königshofen zur Schlacht zwischen den Bauern und dem Heer des Schwäbischen Bundes. Die Bauern werden besiegt, und der "Bauernjörg" Truchseß Georg III. von Waldburg hält ein "Blutgericht" - Dörfer werden verwüstet, Menschen verbrannt, geköpft, geblendet, verstümmelt und verjagt.


G 15

Hardheim: Spital und Juden, Markt und Mauer

Offensichtlich stand das Dorf Hardheim ausgangs des Mittelalters kurz davor, eine Stadt zu werden, denn es wies Merkmale auf, die ein Dorf zu dieser Zeit nicht besaß.

Das erste städtische Merkmal ist die Existenz einer jüdischen Gemeinde schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts: Kaiser Ludwig der Bayer verpfändet das königliche Schutzrecht über die Hardheimer Juden an Werner und Reinhard von Hardheim.

Annähernd zur selben Zeit finden wir ein zweites städtisches Charakteristikum in Hardheim: Werner und Reinhard von Hardheim gründen ein Spital - im Mittelalter Alters- und Siechenheim, Kranken- und Waisenhaus, Armenhaus und Herberge für Obdachlose.

Daß es in dieser Zeit zwei Burgen oder Schlösser in Hardheim gibt und die Siedlung möglicherweise von einer Mauer umgeben ist, ist ebenso städtisch wie die vermutlich in diese Zeit zurückgehenden Marktrechte: bis ins 18. Jahrhundert erhöht sich die Zahl der Jahrmärkte in Hardheim auf vier.

Aber Hardheim wurde nicht Stadt: dazu waren die Dorfherren nicht mächtig genug, das nahe Schweinberg stand ebenfalls an der Schwelle zur Stadt, die Verkehrslage Hardheims war nicht günstig genug, die unklaren Verhältnisse im Bereich der Landesherrschaft schufen rechtliche Probleme - all das mag mit dazu beigetragen haben, daß Hardheim die Stadtrechte nie erwarb.

Immerhin: noch im 17. Jahrhundert entstanden in Hardheim Zünfte, und das Spital des Mittelalters lebt fort im heutigen Krankenhaus Hardheim.

Markttage in Hardheim

1585 auf Albani (= 21. Juni)
1651 auf Albanus (21. Juni) und Gallus (16. Oktober)
1725 dto.
1765 zus. Wendelinus (20. Oktober)
seit 1766 Joseph (19.3.), Laurentius (10.8.), Wendelinus (20.10.)
1798 zus. Jakobus (1./11.5.)

G 15 / 1

Urkunde Kaiser Ludwigs des Bayern; 14. September 1318

Kaiser Ludwig der Bayer verpfändet mit dieser Urkunde die Hardheimer Juden um 200 Pfund Heller an die Ritter Werner und Reinhard von Hardheim; diese erste Erwähnung der jüdischen Gemeinde in Hardheim bezieht sich auf das Schutzrecht des Königs gegenüber den jüdischen Gemeinden, das "Judenregal".

(Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, Kaiser Ludwig Selekt 165)

Transkription:

1 Wir Ludowich von Gotes Gnaden Romischer Könich ze allen zeiten merer des Riches. Thun kunt allen /
2 den die disen brief ansehen oder hören lesen. Das wir unsern getrewen Reynharten und Wernhern von Hart/
3 heim umb den dienst, den si uns nuo habent geheyzen ze tuon, gelten süln zwai hundert phunt haller. Und /
4 fuor die selben haller versetzen wir in unser juden die ze Hardheim gesezzen sint, als lang ze halten, bis wir /
5 si umb die vorgeschriben zwai hundert phunt haller von in wider ledigen. Dar über ze urkunde geben /
6 wir in disen brief mit unser Insigel versigelten. Der geben ist ze Frankenfurt. an dem Dienstag /
7 nach des heiligen Creutts tag als es erhöhet wart. Da man zalt von Crists geburt dreyzehen hundert /
8 jare dar nach in dem ahtzehenden Jare in dem vierten Jare unsers Riches

Übertragung:

Wir Ludwig, von Gottes Gnaden Römischer König, zu allen Zeiten Mehrer des Reichs, tun kund allen, die diesen Brief sehen oder hören lesen, daß wir unseren getreuen Reinhard und Werner von Hardheim für den Dienst, den sie uns nun haben geheißen zu tun (um den sie uns gebeten haben), gelten sollen 200 Pfund Heller. Und für dieselben Heller versetzen wir ihnen unsere Juden, die zu Hardheim gesessen sind, so lange zu halten, bis wir sie um die erwähnten 200 Pfund Heller von ihnen wieder ledigen (einlösen). Darüber zur Urkunde geben wir ihnen diesen Brief, mit unserem Siegel versiegelt, der gegeben wurde zu Frankfurt, am Dienstag nach des Heiligen Kreuzes Tag, als es erhöht wurde, da man zählt von Christi Geburt dreizehnhundert Jahre, danach im achtzehnten Jahr, im vierten Jahr unseres Reichs.

G 15/2

Urkunde Bischof Georg Karls von Würzburg; 3. August 1798

Hardheim wird mit dieser Urkunde des Landesherren das Recht erteilt, einen vierten Jahrmarkt abzuhalten - auf St. Jakobus (11. Mai).

(Gemeindearchiv Hardheim, U 10)

Transkription:

Wir Georg Karl von Gottes Gnaden Bischof zu Würzburg des Heiligen Römischen Reichs Fürst und Herzog zu Franken.
1 Demnach beÿ Uns Unsere Gemeinde zu Hartheim unterthänigst vorgestellt und gebeten hat, daß Wir ihr zu den bereits bewilligten /
2 dreÿ Jahrmärkten, von welchen der Erste auf JosephsTag, der zweÿte auf Laurentii, und der dritte auf Wendelini Tag gehalten werden, /
3 noch den Vierten Jahrmarkt auf den 1ten Majes, dann ferner nach jeden dieser Vier Jahrmärkte den folgenden Tag darauf ein Viehmarkt /
4 gehalten werden dürfe, gnädigst gestatten möchten, und Wir diesen unterthänigsten Gesuche wegen des hierbeÿ vorwaltenden, /
5 gemeinen Nutzens zu willfahren mildest bewogen worden sind; Also gestatten, und bewilligen Wir aus landesfürstlichen hohen Obrigkeit und Gewalt für uns /
6 und unsere Nachkommen am Fürstlichen Hochstifte Würzburg hiermit gnädigst, daß nebst den bereits bewilligten dreÿ Jahrmärkten auch der Vierte Jahrmarkt /
7 alljährlich auf den 1ten Majes, dann nach den mehr genannten Vier Jahrmärkten allzeit am folgenden Tage ein Viehemarkt gehalten, und begangen werden /
8 möge, dergestalten zwar, daß einem Jeden freÿstehe, seine feile Waren, oder feiles Viehe, wenn anderst solches rein, und mit keiner ansteckenden Seüche /
9 behaftet ist, dahier zum Markte, und Verkaufe zu bringen. Unserm zeitlichen Oberamtmann, und Keller, oder welcher von beÿden daselbst gegenwärtig /
10 seÿn wird, überlasen Wir hiemit die direction, und Schlichtung aller auf diesen Märkten vorkommenden Strittigkeiten, und Irrungen, wobeÿ Wir /
11 jedoch nach Aenderung der Zeit und Umstände auch in Betracht dieser Märkte zu minderen, und zu mehren solche auf andere Tage nach Gutbefinden zu verlegen /
12 oder gar hin- und wieder aufzuheben, Uns, und Unsern Nachkommen am Fürstlichen Hochstifte Würzburg hiemit ausdrücklich vorbehalten haben wollen. /
13 Urkundlich unter hievorgedruckten Unserem Fürstlichen Regierungs Insiegel. Würzburg den 3ten August 1798


G 16

Schweinberg: Stadtrecht für ein Dorf?

Auch Schweinberg befand sich im 14. Jahrhundert auf dem Weg, eine Stadt zu werden.

Die Siedlung unter der Burg der Herren von Schweinberg war wohl von einer Stadtmauer umgeben und besaß auch früh Marktrechte.

Noch mehr: König Wenzel gestattet dem Grafen Hans von Wertheim im Jahr 1379, "das er aus dem dorffe Sweinburg bey der vesten also genant gelegen ein Stat machen moge derselben Stat Sweinburg wir von egen romischer kuniglich mechte alle recht geben haben und geben in krafft diez briefs die uns und des reichs stat zu gelnhausen hat..."

Diese Rechte machten im Mittelalter den Unterschied zwischen Stadt und Dorf aus - vor allem die persönliche Unfreiheit konnte in vielen Städten "nach Jahr und Tag" überwunden werden: "Stadtluft macht frei" hieß die oft zitierte Losung. Privilegien - im Falle der Reichsstädte des Königs - machten die Städte zu rechtlich vom Territorialherren unabhängigen Gemeinschaften.

Aber die Grafen von Wertheim haben von diesem Recht nie Gebrauch gemacht: trotz Markt und Mauer blieb auch Schweinberg Dorf.

Die Gründe dafür dürften weitgehend dieselben wie im Falle Hardheims sein.

Markttage in Schweinberg

1792 Montag (Jahr-)/Dienstag (Viehmarkt) nach Maria Lichtmeß (2.2.), Dienstag nach Rosenkranz (7.10.) Viehmarkt
1800 Matthias (24.3.), Magdalena (22.7.), Andreas (30.11.)

G 16 / 1

Urkunde König Wenzels; 18. März 1379

König Wenzel hat dem Grafen Hans von Wertheim das Recht erteilt, aus seinem Dorf Sweinburg eine Stadt zu machen - was allerdings nie ausgenützt wurde.

(Staatsarchiv Wertheim, G I 17)

Transkription:

1 Wir Wenczla von gotes gnaden Römisch Konig ze allen zeiten merer des Reichs und konig zu Beheim. Bekennen und /
2 tun kunt offenlich mit diesem brief allen den die on sehen oder horen lesen, das wir durch manigvaldig dienste /
3 und trewe, die uns und dem Reiche der edel Hans von Wertheim uns und des Reichs lieber getrew offt williclich /
4 und nuzlich getan hat und furbas tun sol und mag in kunftigen zeiten im die gnad getan haben, und tun im die /
5 mit rechter wissen und von romischer kuniglich mechte, das er aus dem dorffe Sweinburg bey der vesten also ge=/
6 nant gelegen ein Stat machen mag. derselben Stat Sweinburg wir von egen Romischer kuniglich mechte alle /
7 recht geben haben und geben in krafft diez briefs, die uns und des Reichs Stat zu Gelnhusen hat und der gebru=/
8 chet, unschedlich doch ande steten an iren rechten, die darumb in einer meil gelegen sein und gebieten, denen allen /
9 Fursten Geistliche und weltlich, Graven, freyen, dinstluten,, ritter knechten, gemeinschefften der Stete und allen /
10 ander unsern und des reichs lieben getrewen, das sie den egen Graff Hansen seine Erben und auch die egen Stat /
11 Sweinburg an sulchen unsern gnaden nicht hindern oder irren sullen oder tunen und keinerweis, als sie uns und des reichs /
12 ungnad verwirken wellen, wir urkund diz briefs vorsigelt mit uns kuniglicher maiestett Insigle, Der gebn ist zu /
13 Nuremberg nach Crist geburd dreyzenhundert Jar darnach in dem newn und sibenzigsten Jare des nechsten/
14 freytages vor letare uns reiche des Beheimschn in dem Sechzend und dem Römischen in dem driten jare.

Übersetzung:

Wir, Wenzel, von Gottes Gnaden römischer König, zu allen Zeiten Mehrer des Reichs, und König zu Böhmen, bekennen und tun kund öffentlich mit diesem Brief allen denen, die ihn sehen oder hören lesen, daß wir durch mannigfaltige Dienste und Treue, die uns und dem Reich der Edle Hans von Wertheim, unserer und des Reichs Getreuer, oft willig und zu unserem Nutzen getan hat und weiterhin tun soll und mag in künftigen Zeiten, (daß wir) ihm die Gnade getan haben und tun, mit rechtem Wissen und aus königlich-römischer Macht, daß er aus dem Dorf Schweinberg, bei der Feste desselben Namens gelegen, eine Stadt machen kann. Derselben Stadt Schweinberg (haben) wir aus erwähnter königlich-römischer Macht alle Rechte gegeben und geben sie kraft dieses Briefs, die unsere und des Reiches Stadt Gelnhausen hat und gebraucht, ohne Auswirkungen auf andere Städte und ihre Rechte, die im Umkreis einer Meile liegen, und (wir) gebieten allen, Fürsten - geistlichen und weltlichen -, Grafen, Freien, Dienstleuten, Rittern, Knechten, Gemeinschaften der Städte und allen anderen unserer und des Reichs Getreuen, daß sie den genannten Grafen Hans, seine Erben und auch die genannte Stadt Schweinberg an unseren Gnaden nicht hindern oder irren sollen in keiner Weise, da sie sonst unsere und des Reichs Ungnade erwirken. Wir bezeugen dies (durch diesen) Brief, versiegelt mit unserem königlich-majestätischen Siegel, der gegeben wurde zu Nürnberg nach Christi Geburt dreizehnhundert Jahre danach im 79. Jahr am nächsten Freitag nach Laetare, in unsres Böhmischen Reichs 16. und dem römischen Reichs 3. Jahre.

Exponattexte

G 16.2

Urkunde Bischof Wolframs von Würzburg; 1332 (Kopie des 17. Jahrhunderts)

Schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts ist in Hardheim ein Spital eingerichtet worden, das zur Wurzel des heutigen Krankenhauses in Hardheim wurde. Der Bischof von Würzburg bestätigt die Gründung 1332 durch eine Urkunde, die dieser Kopie zugrunde liegt.
(Staatsarchiv Würzburg, Libri diversarum formarum, 1, S.689 - 691)

G 16.4

Geldkatze; 19. Jahrhundert

Für die Bauern war ein Geldbeutel in Form eines um den Leib getragenen Gürtels für den Besuch des Markttages im Marktflecken die sicherste Methode der Geldaufbewahrung - damit die beispielsweise beim Verkauf eines Schweines eingelöste Summe auch sicher wieder nach Hause gelangte.

G 16.5

Mörser; 18. Jahrhundert

Der Mörser ist noch heute das Symbol der Apotheker; in Hardheim gab es schon früh eine Apotheke, entstanden im Zusammenhang mit dem Spital.


G 18

Kirche im Mittelalter

Im hohen Mittelalter stehen Kirche und Glauben im Mittelpunkt des Denkens.

Deshalb werden Kirchen und Klöstern immer wieder zur Rettung des Seelenheils bedeutende Schenkungen durch Adlige wie Bürger gemacht - heute oft noch die einzigen Nachrichten über viele Orte aus dieser Zeit.

So wird die älteste Kirche auf Hardheimer Gemeindegebiet - die Kirche in Bretzingen - schon in den Amorbacher Traditionsnotizen erwähnt, weil sie von Regelint dem Kloster Amorbach geschenkt wird: die Kirchen waren oft Eigentum der Grundherren. Zum Unterhalt von Kirche und Pfarrer mußten die Gläubigen den Zehnten geben - den zehnten Teil der jährlichen Ernte.

Mit dem Eigentum an einer Kirche verbunden war das Recht, den Pfarrer auszuwählen und einzusetzen. Dieses Recht wurde Patronatsrecht genannt; als es im Jahr 1256 vom Kloster Amorbach auf den Bischof von Würzburg überging, wurde die Hardheimer Kirche erstmals erwähnt.

Im Spätmittelalter befand sich der Zehnte oft in verschiedenen Händen, und die Pflicht zum Unterhalt von Pfarrer und Kirche war nur noch mit dem Patronatsrecht verbunden. Deshalb werden nun von reichen Gläubigen oft Pfründe eingerichtet, um Pfarrern und anderen Geistlichen - wie den Frühmessern, die die Frühmesse zu lesen hatten - den Unterhalt zu sichern.

Exponattexte

G 18.1

In der Kunst des Mittelalters findet die zentrale Rolle des christlichen Glaubens und der Kirche immer wieder ihren Ausdruck: Christus teilt den drei Ständen ihre Aufgaben zu. Der geistliche Stand soll demütig beten (Tu supplex ora), Fürsten und Krieger sollen Schutz gewähren (Tu protege) und die Bauern arbeiten (Tu labora).
(Aus der "Prognosticatio" des Johannes Lichtenberger, 1492)

G 18.2

Urkunde Abt Giselhers von Amorbach; 11. November 1256

Das Kloster Amorbach tritt in dieser Urkunde das Patronatsrecht über die Pfarreien zu Hardheim und zu (Neckar-)Sulm gegen eine Entschädigung von jährlich 2 Pfund Heller an das Stift Würzburg ab - die erste Erwähnung der Hardheimer Kirche.
(Fürstlich Leiningensches Archiv Amorbach, 1256 XI 11)

G 18.3

Aus der alten Hardheimer Pfarrkirche aus dem 15. Jahrhundert stammt diese Grabplatte; sie ist heute am Chor der Kirche eingemauert. Ihre Inschrift lautet:
Anno dn M cccc xlvii ist ge /storbe  de ersame hanß birnesser de' elte' vff kathedra petr dor nach im/lxv jare dnica exaudi sta'b die ersa/me elizabeth weyssin hasen birnessers eliche haußfraw den gott g a  - Im Jahre des Herrn 1447 ist gestorben der ehrsame Hans Birnesser der Ältere, auf Kathedra Petri (22. Februar). Danach im 65. Jahr (auf) Dominica exaudis (26. Mai 1465) starb die ehrsame Elisabeth Weissin, Hansen Birnessers eheliche Hausfrau, denen Gott gnade. Amen.

G 18.4

Der Grundstein der Kirche von 1438 mit den Wappen der Stifter - des Ritters Reinhard (V.) von Hardheim und seiner Frau Gutta von Riedern. Der Stein ist heute in die Außenwand des Chors der Kirche eingemauert.


G 19

Reformation

Im späten Mittelalter treten innerhalb der Kirche aus verschiedenen Ursachen zunehmend Verfallserscheinungen auf; sie äußern sich in Schisma und Verweltlichung am päpstlichen Hof und innerhalb des Klerus, aber auch in tiefer und weltentsagender Frömmigkeit - so lebte ein Einsiedler bei der von den Herren von Hardheim um 1400 auf Dornberger Gemarkung gestifteten "Kappel unserer lieben Frau im Walde".

Immer wieder wurde in diesen Jahrhunderten die Forderung nach einer Reform der Kirche an Haupt und Gliedern laut.

Der Bewegung der Reformation nach Luthers Thesenanschlag 1517 schlossen sich viele der aufstrebenden weltlichen Territorialherren an. Für sie war die Reformation eine Möglichkeit, die Unterordnung unter den Kaiser weiter aufzulösen und die eigene Souveränität auszubauen.

Nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 führte auch die Ritterschaft des Baulands weitgehend die Reformation durch - auch die Ritterschaft war bestrebt, sich von ihren Oberherren zu lösen. Für die Reformation in Hardheim spielte die Kappel eine besondere Rolle - neben der Spitalpfründe war sie die einzige Kirche, deren Patronat bei den Hardheimer Rittern lag.

Ritter Wolf von Hardheim kann als Hardheimer Reformator gelten: er setzte zuerst in der Kappel 1558 einen evangelischen Pfarrer ein. Überhaupt scheint er ein typischer Vertreter seiner Zeit gewesen zu sein - ein kleiner und ehrgeiziger Renaissancefürst, der sich ein für seine Verhältnisse großes Schloß baut und sich seinem Lehensherrn - dem Grafen von Wertheim - widersetzt.

Um 1560 wird an der Hardheimer Spitalkirche St. Anna lutherischer Gottesdienst gehalten, und seit 1562 auch in der Pfarrkirche St. Albus. Wie in Hardheim bekennt sich auch die Bevölkerung in Gerichtstetten, Waldstetten, Schweinberg - durch Graf Michael von Wertheim schon 1527 reformiert - und anderen Orten der engeren Umgebung zur neuen Religion.

G 19/1

Vom Hardheimer "Reformator" Wolf von Hardheim handelt auch eine Sage, deren historischer Hintergrund der hochpolitische Streit zwischen dem Grafen von Wertheim und den Rittern von Hardheim bildet: die Grafen von Wertheim hatten ihre landes- und gerichtsherrschaftlichen Rechte in Hardheim als Lehen auf die Ritter von Hardheim übertragen, die als Gegenleistung die Oberherrschaft der Wertheimer Grafen anzuerkennen hatten und dies im 16. Jahrhundert nicht mehr wollten.
In der Sage wird aus dem kleinen Möchtegern-Renaissancefürsten Wolf von Hardheim ein Raubritter, der den Amtmann seines Herrn, des Grafen Michael von Wertheim, ermordet. Wolf von Hardheim wird daraufhin mit seinen Spießgesellen gefangen und nach Wertheim gebracht, wo er mit seinen Knechten enthauptet werden soll. Wolf von Hardheim soll jedoch - so die Sage - um das Leben seiner Knechte gebeten haben, und es wurde vereinbart, daß diejenigen unter seinen Knechten - in einer Reihe aufgestellt - nicht hingerichtet werden würden, an denen der enthauptete Ritter noch vorbeigehen könne. Die grausige Geschichte endet damit, daß Wolf tatsächlich ohne Kopf an allen verurteilten Knechten vorbeigeht und so ihr Leben rettet.
Tatsächlich hat Wolf von Hardheim den Wertheimer Amtmann auf der Burg Schweinberg im Streit erschlagen; aber vor Gericht ist er deshalb nie erschienen, da er sich auf seine reichsritterschaftliche Stellung berufen hat - ein Indiz dafür, daß der ehemalige Lehensmann seinen Lehensherrn nicht mehr anerkannte.


G 20

Gegenreformation

Schon die Durchführung der Reformation in den einzelnen Territorien wurde vielfach von seiten der Landesherren benutzt, ihre Herrschaft auszuweiten.

So lagen Wolf von Hardheim und seine Söhne im Streit mit dem Bischof von Würzburg um die Rechte u.a. an der Hardheimer Pfarrkirche.

Bischof von Würzburg war seit 1573 Julius Echter von Mespelbrunn. Er unternahm erfolgreich den Versuch, Würzburger Rechte zu verteidigen und auszuweiten, verbunden mit der Rekatholisierung der entsprechenden Gebiete.

Dabei spielte das Aussterben im Mannesstamm zweier wichtiger Adelsgeschlechter und Würzburger Lehensträger eine große Rolle: zuerst der Grafen von Wertheim 1556 - in einer Fehde mit den Erben gelang es Bischof Echter 1612, das Amt Schweinberg für Würzburg zu gewinnen. Dann der Herren von Hardheim - Georg Wolf von Hardheim, der jüngste Sohn des Ritters Wolf von Hardheim, verstarb 1607 ohne männlichen Nachkommen. Würzburg zog seine Lehen ein.

Aber es vergingen noch einige Jahrzehnte, bis der katholische Glaube in Hardheim ganz durchgesetzt wurde. Bischof Echter ließ seinen Sieg durch eine Inschrift am Seitenportal der 1615 umgebauten Hardheimer Pfarrkirche dokumentieren, die folgendermaßen überliefert wird:

Hartheim, zu der Religion
Halte dich hart nun ohn vnd ohn,
Darzu dich wider hat bekehrdt
Bischof Julius, zu dessen Heerdt
Du bist vermannt, dem sei trew.
Dies Pfarrkirch er dir bawet new
Und wünscht, was man drin lehren thuet,
Viel Seelen daß es kom zue guet.

G 20/1

Als Grundlage der Gegenreformation des Baulandes durch den Würzburger Bischof Julius Echter von Mespelbrunn können verschiedene Visitationen der Pfarreien des Baulandes gelten, die eine Bestandsaufnahme des Zustandes der einzelnen Pfarreien und entsprechende Gegenmaßnahmen erlaubten.

Eine solche Visitation wurde am 18. April 1594 auch in Hardheim durchgeführt. Im Anschluß an diese Visitation beklagte der Berichterstatter, daß der katholische Pfarrer in Hardheim kein gehorsam habe und die würzb. underthanen jung und alt zu predicanten lauffen - die evangelische Predigt besuchen. Dies sogar trotz angedrohter straff bei 10 fl. (...),wenn mehrers zu predicant gehen.

Der kirchner (Kirchendiener) auch lutherisch, so lutherisch alß der schuolmaister, heißt es weiter in diesem Bericht.

Am Ende des Schreibens wird dem Bischof gleich noch eine Handhabe gegen den evangelischen Pfarrer geliefert: der soll die katholischen Bischöfe in zeitgemäß derber Sprache als Baalspfaffen beschimpft und zudem noch Christi Sanguinem zu Thurn - die Wallfahrt nach Walldürn - in den Schmutz gezogen haben.


G 23

Zeugnisse des Glaubens

Ein Charakteristikum der Gegend, vielleicht begründet durch den doppelten Wechsel der Konfession: die Frömmigkeit der Menschen in den vergangenen Jahrhunderten fand in allen Lebensbereichen bildhaften Ausdruck.

So finden sich in der heimischen Landschaft - dem Madonnenländchen - viele Steinkreuze und Bildstöcke, an und in den Häusern vielfach volkstümlich gestaltete Heiligendarstellungen.

Den weitaus größten Raum unter den religiösen Motiven, mit denen man die Wohnstuben schmückte, nehmen Marienbilder ein - entsprechend der Verehrung Marias in der Volksfrömmigkeit besonders seit der Gegenreformation, die das Bauland und den Taubergrund zum "Madonnenländchen" gemacht hat.

Neben Maria ist auf religiösen Bildern aus alten Hardheimer Wohnstuben auch Jesus Christus häufig vertreten, ebenso die Heilige Familie in Alltagsbildern.

Außerdem waren Schutzengelbilder sehr beliebt, und schließlich wurden aus Anlaß der Erstkommunion Drucke mit handschriftlichen Einträgen verteilt, die häufig gerahmt und an entsprechender Stelle aufgehängt dieses wichtige Ereignis im Leben des Gläubigen dokumentieren sollten.

Exponattexte

G 17.3

Hausmadonnen; 17./18. Jahrhundert

Ein Charakteristikum der Region sind bis heute Madonnenstandbilder geblieben, die in Kästen an den Häusern angebracht sind. Maria wird dabei - je nach dem Stil der Zeit - in unterschiedlicher Gestalt und mit verschiedenen Attributen dargestellt: mit Sternenkrone oder Krone der Himmelskönigin, auf der Weltkugel, zu Füßen die Schlange und den Halbmond, auf dem Arm das Christuskind.

G 17.4

Versehkreuze; 19. Jahrhundert

Die hier gezeigten Kruzifixe wurden benutzt, wenn ein Sterbender mit den Sterbesakramenten versehen wurde - deshalb im Volksmund der Name Versehkreuze.

G 17.5

Geistliche Bücher; 18./19. Jahrhundert

In katholischen Gebieten fanden seit dem 18. Jahrhundert vor allem Gebetbücher große Verbreitung; im 19. Jahrhundert gab es dann zunehmend auch Bücher zu geistlichen Erbauung wie Schilderungen des Lebens der Heiligen.

G 21.2

Steinplatte; 1514

Die Inschrift dieser Steinplatte, die auf dem Hardheimer Friedhof gefunden wurde, lautet:

Anno d(omi)ni /
mo v` vnd /
14 ior im /
langen winter /
i d f g

G 21.4

Karfreitagsratsche; 19. Jahrhundert

In der Karwoche - zwischen Gründonnerstag und Karsamstag - durften die Kirchenglocken nicht geläutet werden; als Ersatz dafür wurden die Gottesdienste mit den Karfreitagsratschen angekündigt.

G 22.1

Religiöse Figuren

Verschiedene religiöse Figuren - meist aus Gips, einige aber auch aus Porzellan oder Bronze - dienten als frommer Hausschmuck. Wie bei religiösen Bildern tauchen auch hier die verschiedensten Motive auf - Jesus Christus, Maria, die heilige Familie, Heilige und Engel.

G 23a

Liborius Wagner - ein Leben im Dreißigjährigen Krieg

Zwischen Juni 1625 und August 1626 - mitten im Dreißigjährigen Krieg - amtierte an der Hardheimer Pfarrkirche ein Kaplan, dessen Biographie exemplarisch im Zeitalter der Glaubenskriege ist: Liborius Wagner.

Liborius Wagner wurde 1593 als Sohn protestantischer Eltern in Mühlhausen in Thüringen geboren, studierte 1613 in Leipzig, 1614 in Gotha und bis 1619 in Straßburg.

Zurück in seiner Heimatstadt Mühlhausen scheint der junge Magister Wagner eine innere Wandlung vom überzeugten Protestanten zum überzeugten Katholiken durchgemacht zu haben - im Jahr 1622 kommt er nach Würzburg, konvertiert und studiert katholische Theologie. Hardheim - wenige Jahre zuvor noch protestantisch - wird der Ort seines ersten beruflichen Wirkens.

Mit der Grausamkeit des Krieges wird Liborius Wagner dann als Pfarrer in Altenmünster - nördlich von Schweinfurt - konfrontiert. Im Herbst 1631 drangen die Truppen des protestantischen Schwedenkönigs Gustav Adolf nach Franken vor und übernahmen in Würzburg und der gesamten Region das Regiment.

Liborius Wagner hatte sich erst versteckt, wurde dann jedoch aufgespürt und gefangen genommen. Ihm wurde dabei vor allem vorgeworfen, dem protestantischen Glauben abtrünnig geworden zu sein. Er sollte seinem katholischen Glauben abschwören, weigerte sich jedoch fünf Tage lang trotz grausamer Folter. Schließlich wurde er am 9.12.1631 getötet, seine Leiche nackt in den Main geworfen.

Als nach der schwedischen Niederlage 1634 die katholische Partei in Franken sich wieder durchsetzen konnte, gelangte der ermordete Pfarrer von Altenmünster schnell in den Ruf, ein Märtyrer zu sein. Noch im 17. Jahrhundert werden seine sterblichen Reste zu Reliquien; 1974 wird Liborius Wagner von Papst Paul VI. selig gesprochen.

Exponattexte

G 23a/1

Brief in der Handschrift von Liborius Wagner; 1626/31

In diesem Brief unterrichtet Liborius Wagner den Bischof in Würzburg von den Schwierigkeiten, bei seiner Gemeinde in Altenmünster den katholischen Glauben wieder durchzusetzen.

Transkription

Weiter kan ich auch dieses E.Gn. nicht vorhalten. Es ist ein katholischer / Vater meinen pfarrkinder zu Alt Münster welcher ein Lutherisch eheweib und / zweÿ Kinder disparis sexus mit derselbigen hatt: das mägdtlein hatt bißher die / mutter zur Lutherischen Religion gehalten, den Sohn hatt der Vater Verhoffet / katholisch zu erziehen und also gleich mit dem Weib zu theilen. Aber nun mehr, weil der bub zur Confession und St.Communion soll gehalten werden, regt sich das / Weib darwider, will solches nicht gestatten, wendet vor die schandt und spott so der / bub im dorff müst ausstehen. Dieweil aber durch solch factum forminatum beÿdes / mein und des vaters gewissen beschwert wird: als will ich vor mich hierin E.Gn./
underthenig consulirt haben q(uo)d facto sit opus. Geben zu AltMünster 12. Jan
E.Gn.
Unterth.
Liborius Wagner parochus
in AltMünster und Sultzdorff


G 23b

Der Dreißigjährige Krieg

Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret!
Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun!
Das vom Blut fette Schwert / die donnernde Carthaum /
Hat aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrath aufgezehret.

Andreas Gryphius 1636

Kaum ein Krieg hat den Menschen in Deutschland so viel Leid gebracht wie der Dreißigjährige Krieg zwischen 1618 und 1648.

Dieser Krieg war zwar in seiner ersten Phase - dem Böhmisch-Pfälzischen Krieg - in erster Linie ein Krieg zwischen den Konfessionen. Er war jedoch gleichzeitig auch ein Krieg zwischen Kaiser und Fürsten um die Souveränität der Fürsten, und wurde zunehmend zum Krieg zwischen den europäischen Großmächten - England, Frankreich, Spanien und Habsburg.

Die Kriegsführung des 17. Jahrhunderts wird geprägt vom Grundsatz "Der Krieg ernährt den Krieg": Soldtruppen und Landsknechte plündern und verwüsten die vom Krieg betroffenen Gebiete.

Aus Gerichtstetten wird 1652 - vier Jahre nach dem Krieg - berichtet, daß es im Dorf 26 bewohnte und 27 leere Häuser gibt.


G 25

Amt Schweinberg und Amt Hardheim

Schon früh versuchten die Grafen von Wertheim, in ihrem Herrschaftsgebiet durch die Einrichtung von Ämtern als Verwaltungseinheiten ihren Anspruch auf Landes- und Gerichtsherrschaft durchzusetzen.

In diesem Rahmen wurde auch das Amt Schweinberg eingerichtet, zu dem neben Burg und Dorf Schweinberg einige weitere Dörfer und Weiler gehörten.

Dagegen wandten sich vor allem die Würzburger Bischöfe, die Schweinberg als würzburgisches Lehen in der Hand der Grafen von Wertheim betrachteten.

Nach dem Aussterben der Grafen von Wertheim setzte Würzburg zu Beginn des 17. Jahrhunderts den Heimfall des Lehens Schweinberg durch - vor Gericht und mit Waffengewalt. Allerdings konnte der Streit mit den Erben der Wertheimer nur de facto beigelegt werden - de jure währte er bis ans Ende des alten Reiches 1803.

Da durch das Aussterben der Herren von Hardheim auch deren würzburgische Lehen heimfielen, bildeten die Würzburger Bischöfe daraus zusammen mit dem alten Amt Schweinberg das neue würzburgische Amt Hardheim-Schweinberg.

Schwerwiegende rechtliche Probleme traten vor allem durch die Ansprüche des Erzbischofs von Mainz auf, dem der Ritter Werner von Hardheim 300 Jahre zuvor das Obere Schloß in Hardheim als Lehen aufgetragen hatte. Erst Bischof Johann Philipp Schönborn gelang eine Lösung: er war zwischen 1647 und 1673 in Personalunion Bischof von Würzburg und Erzbischof von Mainz.


G 25

Absolutismus im Fürstbistum

Nach den verheerenden Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges erholte sich das Erfatal nur langsam: zu groß waren auch hier die Verwüstungen durch immer neue Kriegszüge und Einquartierungen verschiedenster Truppen.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wird Hardheim von den Kriegen des Reichs mit Ludwig XIV. betroffen - 1673 lag eine französische Armee unter Marschall Turenne einige Wochen bei Hardheim. Für die Bauern des Erfatals war eine solche Einquartierung verheerend.

Dagegen hatten die Würzburger Fürstbischöfe ihre Herrschaft in Hardheim inzwischen gesichert: Bischof Konrad Wilhelm von Wertnau läßt 1683 in Hardheim den Schüttungsbau errichten - als Speicher für die Abgaben der Bauern, aber auch als Zeichen für die nunmehr gefestigten Herrschaftsverhältnisse, in direkter Frontstellung zum Schloß.

Erst die Auflösung des Fürstbistums Würzburg unter Napoleon beendete zweihundert Jahre würzburgische Herrschaft im Erfatal.

Exponattexte

G 23b.2

Tischuhr; zwischen 1727 und 1759

Nach Auskunft der Inschrift auf dem Ziffernblatt - "Martin Schipan / Würtzburg / Schlagt nicht" - stammt diese Uhr aus der Werkstatt des fürstbischöflichen Hofuhrmachers Martin Schipani.
Schipani wurde 1693 in Böhmen geboren, war nach seiner Lehre als Großuhrmacher 17 Jahre auf Wanderschaft und wurde 1727 als Meister in die Zunft der Würzburger Uhrmacher aufgenommen. Er starb 1759 und wurde auf dem Friedhof des Würzburger Franziskanerklosters beigesetzt.

G 24.1

Wappenstein; 17. Jahrhundert

Dieser Stein mit dem Wappen des Bischofs Echter von Mespelbrunn war am alten Hardheimer Rathaus aus dem Jahr 1578 eingemauert; nach dem Abriß des Gebäudes 1876 wurde der Stein am "neuen" Rathaus wiederverwendet.

G 25/1

Urkunde Johann Philipps von Schönborn, Erzbischof von Mainz und Bischof von Würzburg und Worms; 28. März 1668

Schon im Jahr 1613 hatte der Würzburger Bischof Julius Echter von Mespelbrunn der Gemeinde Hardheim ein eigenes Siegel verliehen, das bei der Wiederverleihung durch Bischof Johann Philipp von Schönborn so beschrieben wird: "Unseres geehrten Herrn und Vorfahrens (des Julius Echter von Mespelbrunn) angeborenes und dann des Stifts gewöhnliche Wappen ("fränkischer" Rechen und das Rennfähnlein) in einem runden Zirkel, darüber in der Mitte eine Kirche mit zwei Türmen, und zwischen beiden Türmen auf einem Halbmond das Bild Unserer Lieben Frau, weiß umflammt wie die Sonne, in der rechten Hand ein Szepter, in der linken das Jesuskindlein tragend..."
(Gemeindearchiv Hardheim, U 3)

Transkription:

WIR Johann Philipps von Gottes gnaden des Heil:Stuls / zu Maintz Ertzbischoff des heÿl:Röm;Reichs durch Germanien ErtzCantzlar, und Churfürst, Bi= / schoff zu Würtzburg und Wormbs, und Hertzogs zu Franckhen. - Nachdeme / beÿ Uns Unsere liebe getrewe Schultheiß Bürgermeister und Gericht zu Hartheim Underthenigst und (beweglichst) / einkommen, was gestalten Unser geehrter Lieber herr und Vorfahrer am Stifft, weÿlandt Bischoff / Julius Christmildsten andenckhens, in dem Jahr SechZehenhundert und DreÿZehen, sie mit einem eigen / von Gerichts Insigel begnädiget, davon sie ein Model überreicht haben: Nachfolgender gestalt; / als under nachst höchstbesagtens Unsers geehrten herrn und Vorfahrens Angebohren, und dan des / Stiffts gewöhnliche Wappen in einer ronden Zierkhel, über dem in der mitte ein Kirchen mit zweÿ / Thürnlein, und dan Zwischen beeden Thürnlein, uff einem halben Mond Unser Lieben frawen Bildt / gerings weiß flammirt, als die Sonn " in der rechten Handt ein Scepter, in der Linckhen das JESV / Kindlein tragend, welches Insiegel (...) die darauff erfolgt,, und höchst(....bluhr) Kriegs(....) erbaut / und (5 Worte unleserlich) seÿe, dabeÿ Underthänigst (Rest der Zeile unleserlich) / ihnen die hie(..)rige Gnad und Freÿheit wiederumb zu ertheilen, und zu verstatten, damit sie mehrgedt: Insigel / der form nach wie obgemelt renoviren, und fürterhin gebrauchen mögen; - bekennen / und tun kundt hiemit gegen Männiglich, das Wir (...) Unsers Schultheisen Bürgermeister und Ge=/richts eingewandte Zimliche Bitt, als in Gnaden angesehen, und (...) haben, das derselbe vor ange=/regtes Insigel wiederumb (...)stechen, ernewrn und renovirn ; auch künfftig dessen Unsrem allgemeinen / Contract=Insiegel, ÿrloch, ohne abbruch, und nachtheil:(...) gebrauchen mögen, ohne (...) So geben / und Geschehen, Würzburg, Under Unserm hieran gehängten Cantzleÿ=Secret=Insigel, den acht und Zwaintzigsten Tag Martÿ, Anno 1668
G 24.2

Wappenstein; 1877

Der Stein mit dem Hardheimer Gemeindewappen und der Inschrift "Rathhaus / Erbaut unter Bürgermeister / Alois Barth / 1877" befand sich am 1981 abgebrochenen "alten" Hardheimer Rathaus.

G 25.2

Statistik des Amtes Hardheim; 1725

Im Zuge des Aufbaus des Amts Hardheim wurde im Jahr 1725 in der bischöflichen Verwaltung in Würzburg diese umfangreiche "Tabell" ausgearbeitet; sie enthält auf einen Blick wichtige Angaben zur Verteilung der herrschaftlichen Rechte in den zugehörigen Orten - neben Hardheim und einigen kleineren Höfen v.a. in Schweinberg, Pülfringen, Bretzingen, Gerichtstetten, Waldstetten und Höpfingen.
(Staatsarchiv Würzburg, Würzburger Risse und Pläne I/204)

G 25.3

Denkmal für Kaiser Karl VI. in Breitenau - am 13. Dezember 1711 mußte Karl VI. auf der Reise von Barcelona zu seiner Krönung in Frankfurt den nicht geplanten Umweg über das Erfatal nehmen, da das Taubertal bei Tauberbischofsheim durch ein Unwetter nicht passierbar war.

G 25.6

Die fürstbischöfliche Residenz in Würzburg symbolisiert wie andere Schlösser aus der Zeit des Barock den absoluten Machtanspruch ihrer Erbauer und erscheint deshalb sogar auf einem Gesellenbrief des aus Hardheim stammenden Schreiners Joseph Anton Popp aus dem Jahr 1795.

G 25.8

Unbekannter Meister: Demian Hugo von Schönborn; 1741

Seit dem 17. Jahrhundert hat die Familie von Schönborn eine lange Reihe bedeutender Bischöfe hervorgebracht, zu denen auch Demian Hugo von Schönborn (1676 - 1743) zählte - er war seit 1715 Kardinal, wurde 1719 Bischof von Speyer und 1740 Bischof von Konstanz. Von besonderer Bedeutung für Hardheim waren sein Großonkel Johann Philipp von Schönborn (1605 - 1673, seit 1642 Bischof von Würzburg, seit 1647 Erzbischof von Mainz und seit 1663 Bischof von Worms) und seine Brüder Johann Philipp Franz (1673 - 1724, 1719 - 1724 Bischof von Würzburg) und Friedrich Karl (1674 - 1746, Reichsvizekanzler 1705 - 1734, seit 1729 Bischof von Würzburg und Bischof von Bamberg).

G 26

Hardheim und Napoleon

Napoleon war an allem schuld - so könnte man auch im Falle Hardheims sagen. Doch die Wahrheit ist komplizierter.

Denn bevor Napoleon die große deutsche Flurbereinigung in Gang setzte, der auch das Fürstbistum Würzburg zum Opfer fiel, führte das alte Europa fast ein Jahrzehnt lang Krieg gegen die Französische Revolution.

In diesem Jahrzehnt war auch das Erfatal immer wieder von Kriegszügen und Einquartierungen betroffen, mußte Lebensmittel und Wein abliefern, Bewaffnete und Rekruten stellen, Vorspanndienste leisten, Brandschatzungen und Kontributionen bezahlen.

Es gab Jahre, in denen die Besatzung fast täglich wechselte - Franzosen, Russen und Deutsche aus allen Reichsteilen zogen durch Hardheim und seine Ortsteile.

Mit dem Frieden von Lunéville 1801 beginnt die große Umgestaltung des Reichs, in deren Verlauf Hardheim zweimal die "Nationalität" wechselt: das Fürstbistum Würzburg wird 1802/03 säkularisiert - aus dem geistlichen Territorium wird ein weltliches -, Hardheim dem Fürstentum Leiningen zugeschlagen. Das Fürstentum Leiningen wird aber schon 1806 mediatisiert - auf größere Territorien verteilt - und dem neuen Großherzogtum Baden einverleibt.

 

G 26/1

Der Code Napoléon

Mit der Veröffentlichung des Code Napoléon am 21. März 1804 erlangte in Frankreich erstmals in der Geschichte ein bürgerliches Gesetzbuch Gültigkeit, in dem alle Bereiche des Zivilrechts - vor allem auch des Vertragsrechts - festgehalten und geregelt wurden.
Dieses Gesetzbuch war ein entscheidender Schritt hin zum liberalen Rechtsstaat; seine Einführung in Baden - unter direktem Einfluß von Napoleon - trug mit zum Ruf des neuen Großherzogtums als liberalem Musterstaat bei.
Immerhin hatte der Code Napolón weit über die napoleonische Ära hinaus Gültigkeit: in Baden wurde er erst durch Veröffentlichung des (noch heute gültigen) Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) des Deutschen Reiches im Jahr 1899 außer Kraft gesetzt.

Exponattexte

G 26.3

Code Napoleon / mit Zusäzen und Handelsgesezen / als / Land=Recht für das Großherzogthum Baden; 1809

Dieses seltene Exemplar des Code Napoléon aus der Zeit seiner Einführung im Großherzogtum Baden hat sich im Hardheimer Gemeindearchiv erhalten.

G 26.5

Napoleon im Jahr 1814; um 1814

Dieser kolorierte zeitgenössische Stich karikiert den Triumph über Napoleon im Jahr 1814 - das Gesicht des Kaisers wird gebildet von den Leibern der Gefallenen, sein Haupt wird bekrönt vom preußischen Adler, sein Halstuch symbolisiert das Blut, das beim Übergang über die Beresina vergossen wurde. Die Schulterklappen der göttlichen Vorsehung ziehen die Fäden des Spinnennetzes aus Schlachten, die Napoleon 1813 in Sachsen und in Hessen verliert und die die Grundlage für den Sieg der Koalition im Jahr 1814 bilden.


G 27

Bürgermeister und Gemeinde

Hardheim war nun badisch, aber doch nicht ganz: die Fürsten von Leiningen behielten eine Reihe staatlicher und feudaler Rechte.

So blieben die Fürsten zu Leiningen, die in Amorbach residierten, auch nach der badischen Zehntablösung in vielen Orten Zehntherr, behielten aber auch Rechte wie die untere Straf- und Zivilgerichtsbarkeit.

Das bedeutete, daß nicht alle Reformen innerhalb des badischen Staates bis in das Erftal drangen.

Baden galt zu Beginn des 19. Jahrhundert als Muster eines Rechtsstaates: der Code Napoléon hatte als bürgerliches Gesetzbuch Gültigkeit, 1818 erließ der Großherzog eine liberale Staatsverfassung, 1832 erhielten die Gemeinden das Selbstverwaltungsrecht.

Von der Bedeutung der Gemeindeverwaltung in dieser Zeit zeugt das Bürgermeisterzimmer. Es belegt auch die damit langsam beginnende Demokratisierung: die Wahlurne steht für die Wahlen zum Bürgermeister, Gemeinderat und Bürgerausschuß, an denen allerdings nur wirtschaftlich selbständige Männer über 25 Jahre teilnehmen durften.

Da die kleineren Dörfer oft keine eigenen Rathäuser hatten, waren die Möbel der Gemeindeverwaltung auf die Ablösung der Führung des Dorfs vorbereitet: die Tragegriffe ermöglichten einen leichten Umzug ins Haus des neuen Bürgermeisters.

Exponattexte

G 27.1

Karte des Großherzogtums Baden; 1819

Die ehemalige Markgrafschaft Baden - seit 1771 die beiden Markgrafschaften Baden-Durlach und Baden-Baden umfassend - gehörte zu den großen Gewinnern der napoleonischen Neuordnung Deutschlands: das neue Großherzogtum konnte nach 1805 einen Zugewinn von 738 % an Fläche und gar von 948 % an Bevölkerung gegenüber der alten Markgrafschaft verbuchen.

G 27.2

Gemeindesiegel aus dem Gemeindearchiv Hardheim symbolisieren die einzelnen Etappen der kommunalen Geschichte von Hardheim: vom ältesten Siegel mit der Inschrift ANNO 1668 - SIGILLUM HART - HEIM über ein etwas jüngeres Hardheimer Gemeindesiegel mit dem Ortswappen und der Inschrift GEMEINDE - HARDHEIM und das Siegel der Hospitalverwaltung Hardheim mit dem badischen Staatswappen hin zum Dienstsiegel in der Zeit zwischen 1933 und 1945 und der Inschrift: Standesamt - Hardheim (Amt Buchen).

Beispielhaft für die Nachkriegsentwicklung können an dieser Stelle zwei Gemeindesiegel aus den heutigen Ortsteilen und ehemals selbständigen Gemeinden Schweinberg (Inschrift: DER BÜRGERMEISTER - SCHWEINBERG) und Erfeld (Inschrift: Gemeinde - Erfeld) stehen.

G 28.1

Bürgermeisterzimmer; Mitte 18. / Anfang 20. Jahrhundert

Alle Möbel und Gegenstände des hier aufgestellten "Bürgermeisterzimmers" standen früher in Amtsstuben in Hardheim und seinen Ortsteilen; die Zusammenstellung gibt in etwa das Bild einer solchen Stube noch zu Beginn unseres Jahrhunderts wieder.

Einige Möbel sind mehr als 200 Jahre alt - so die Hardheimer Gemeindetruhe und der Hardheimer Ratstisch -, während der Großteil mit wenigen neueren Ausnahmen aus dem letzten Jahrhundert stammt.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Wahlurne (aus Bretzingen), der Tresor (aus Dornberg), das hölzerne Schreibzeug (aus Rüdental) und die beiden Böller aus Erfeld - letztere standen ursprünglich allerdings nicht in der Amtsstube, sondern wurden bei besonderen Anlässen im Freien abgefeuert.


G 29

Fürst und Bürger

In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts stand auch in Hardheim das neue bürgerliche Zeitalter dem Festhalten an den alten feudalen Verhältnissen gegenüber.

Dabei spürten gerade die Bauern im Erfatal die Auswirkungen der alten Standesherrschaft: die Fürsten von Leiningen bestanden auf ihren alten grundherrschaftlichen Rechten.

Im Jahr 1848 fand die seit dem Ende der Kriege gegen Napoleon vorhandene Unruhe in Deutschland in einer Revolution ihren Ausdruck; das Bürgertum forderte politische Rechte und Freiheiten, aber auch ein geeintes Deutschland.

Im Erfatal stand dagegen die Not der kleinen Bauern im Vordergrund. Die Vorgänge in den größeren Städten des Großherzogtums Baden werden auch in Hardheim bekannt, nicht zuletzt durch die am 1. März 1848 gewährte "Preßfreiheit" und die Aufhebung des seither gültigen Versammlungsverbots.

Aber die Revolte der Hardheimer richtet sich gegen die Standesherrschaft in Amorbach. Unter der Parole "Es lebe der Großherzog!" plündern die Bauern in den frühen Morgenstunden des 10. März 1848 den Schüttungsbau, in dem die Vorräte der Fürsten von Leiningen lagern. Auch werden gefundene Urkunden und Akten verbrannt.

Während in Frankfurt im Sommer in der Nationalversammlung die neue demokratische Verfassung beraten wurde, setzte der Fürst von Leiningen gegenüber der Gemeinde Hardheim eine Schadensersatzforderung in Höhe von 2.500 fl durch. Zwölf Hardheimer wurden zu Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt.

Exponattexte

G 29.1

Erstürmung der Stadt Staufen

Eine Szene aus der Revolution von 1848/49 zeigt diese Lithographie aus dem Besitz von Adolf Eirich, zwischen 1907 und 1919 Bürgermeister von Hardheim: Am 21. September 1848 hatte der badische Revolutionär Gustav Struve mit einigen Freischärlern bei Basel die badische Grenze überschritten, um in Lörrach die badische Republik zu proklamieren. Doch schon drei Tage später scheiterte der Struveputsch in der Stadt Staufen im Breisgau, als es zum Zusammenstoß mit den Truppen des Großherzogs kam, die der badische General Hoffmann mit der neuen Eisenbahn von Norden herangeführt hatte.

G 29.2

Dankurkunde zum Goldenen Ehejubiläum des Großherzogs Friedrich I. von Baden; 1906

"Unser Dank für die so reichen Kundgebungen der Liebe, Treue und Anhänglichkeit aus Anlaß unseres goldenen Ehejubiläums" - der badische Großherzog Friedrich und seine Frau Luise, preußische Prinzessin und Tochter des späteren Kaisers Wilhelm I., galten in der Bevölkerung als Muster des guten Monarchen. Ihre Verehrung fand häufig in Portraits Ausdruck, die die badischen Wohnzimmer schmückten. Der Text dieser Urkunde belegt dieses besondere Verhältnis des im Grunde noch immer absolut denkenden Monarchen zu seinem Volk.

G 29a.1

Gewehre und Pulverhörnchen; 19. Jahrhundert

Die während der Revolution von 1848 gebildeten Bürgerwehren wurden schnell zu wenig revolutionären Einheiten zur Aufrechterhaltung der bürgerlichen Ordnung.
Dafür sorgte auch, daß die Bewaffnung von den Bürgerwehrmännern selbst bezahlt werden mußte. In Hardheim wurde nach der Plünderung des Schüttungsbaus im März 1848 eine Bürgerwehr gebildet, für die das "Großherzoglich Badisch Wohllöbliche Commando des Infanterie=Regiments von Freydorf Nr. 4" 50 Gewehre zur Verfügung stellte. Die Gewehre wurden in Hardheim an die Bürgerwehrmänner ausgegeben, allerdings gerieten Gemeinde und Bürgerwehr derartig in Zahlungsverzug, daß das badische Kriegsministerium im Oktober 1848 die Gewehre wieder einziehen ließ.
Die hier gezeigten Vorderlader stammen also wohl kaum von der Hardheimer Bürgerwehr des Jahres 1848.


G 30

Das bürgerliche Jahrhundert

In der weitgehend noch ländlich geprägten Gemeinde Hardheim orientiert sich das Leben mit dem Aufstieg des Bürgertums in Wirtschaft und Gesellschaft wie anderswo an bürgerlichen Werten.

Hardheim hat in jenen Jahren den Charakter eines Landstädtchens. Die meisten Handwerksberufe sind vertreten, gegen Ende des Jahrhunderts entstehen erste Industriebetriebe. Man bemüht sich früh um den Anschluß an die Eisenbahn (allerdings erfolglos: erst 1911 wird die Strecke Hardheim-Walldürn eröffnet).

Seit Mitte des Jahrhunderts besteht als wohl ältester Verein in Hardheim die Casino-Gesellschaft, über die heute nur noch wenig bekannt ist. Bürgerliche Zeitungen und Zeitschriften - von der Gartenlaube bis hin zum Simplicissimus - werden vom Leseverein verbreitet.

Exponattexte

G 30.5

Büste: "Gretchen"; 1880/1890

Die Figur des Gretchen aus Goethes Faust wurde häufig als Sinnbild des deutschen Nationalcharakters verstanden und fand gerade im Kaiserreich deshalb entsprechende Würdigung - so als Zimmerschmuck in Form einer Gipsbüste.

G 30.8

Aufnahms-Urkunde des Liederkranz Hardheim; 1908

Zum Wandschmuck der Wohnzimmer in der Zeit der Jahrhundertwende gehörten auch aufwendig gestaltete Vereinsurkunden wie die beiden hier gezeigten Beispiele des Liederkranz Hardheim aus der Anfangszeit der Hardheimer Vereine.

G 30.9

Mitgliedsliste der Casino-Gesellschaft; 1854/1862

Über den vielleicht ältesten Verein Hardheims - die Casino-Gesellschaft - ist außer dieser Mitgliederliste kaum etwas erhalten. Es handelt sich offensichtlich um einen bürgerlichen Honoratiorenverein, was sich schon an den Berufen der Mitglieder ablesen läßt.

30.11

Puppenmöbel; Ende 19. Jahrhundert

Auch in der Spielzeugwelt zeigt sich die bürgerliche Wohnkultur vom Ende des letzten Jahrhunderts - einschließlich Gretchenbüsten.

G 30a.1

Polsterstühle; Mitte 18. Jahrhundert

Diese Polsterstühle stammen aus dem Speisezimmer des Geheimrats Georg Adolph Melber aus Frankfurt a. M.; seine Frau Johanna Melber, geborene Textor, war die Schwester von Johann Wolfgang Goethes Mutter Catharina Elisabeth.
Die Köchin der Familie Melber, Josephine Henninger, stammte aus Hardheim; die Stühle waren ein Geschenk an Josephine, als die Familie Melber ein neues Speisezimmer kaufte, und gelangten ihrem Nachlaß nach Hardheim.
Goethe selbst war in seinen Kinderjahren häufig bei seiner Tante zu Gast; besonders beeindruckt war er von ihrer liebevollen Fürsorglichkeit; sie habe "Abgötterei" mit ihm getrieben. Er berichtet: "Auch in ihrem Hause war um sie her alles bewegt, lebenslustig und munter, und wir Kinder sind ihr manche frohe Stunde schuldig gewesen."

Das ursprünglich niedere Polster der Stühle war im Stil der Zeit mit schwarzem Damast bezogen; 1936 wurden sie neu aufgepolstert und mit dem heutigen Bezug versehen.

G 31

Kaiser und Untertan

In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts gelingt es dem preußischen Politiker Otto von Bismarck, den bürgerlichen Traum vom geeinten Deutschland unter preußisch-aristokratischen Vorzeichen zu verwirklichen.

Die Fürsten - wie der Großherzog von Baden - bleiben jedoch auch weiterhin souverän.

Das Deutsche Reich steht unter der Führung Preußens unter patriotisch-militaristischem Stern. Auch in Hardheim gibt es einen Kriegerverein, der jedes Jahr anläßlich des Sedanstages den Sieg im Krieg mit dem zum Erbfeind gemachten Frankreich feiert.

Die Hardheimer leisten wie alle Deutschen mit Stolz ihren Militärdienst. Und schon in jenen Jahren war die Gegend bevorzugter Schauplatz verschiedener Manöver - alle vier Jahre fanden Divisionsmanöver statt, einmal sogar das Kaisermanöver.

Als Gegenbewegung bildete sich die Sozialdemokratie; allerdings organisierten sich die Hardheimer Arbeiter eher in katholisch bestimmten Arbeiter- und Gesellenvereinen.

Exponattexte

G 31.2

Militärkalender; um 1853

Der militaristische Charakter der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zeigt sich in der häuslichen Umgebung an vielen Erinnerungsstücken an die Militärzeit - hier noch aus der Zeit vor der Reichsgründung mit badischem Wappen.

G 31.3

Erinnerungsbild; 1902/1904

Nach 1871 werden die badischen Symbole auf den Erinnerungsbildern an die Militärzeit durch deutsch-nationale ersetzt - hier erscheint in naiver Zeichnung die Reichsflagge mit den Farben Schwarz-Weiß-Rot neben den badischen Farben.

G 31.4

Erinnerungsbild; 1909

Die Technik der neuen Zeit im Dienst des Militärs: Automobil, Motorrad und Telegraph.

G 31.5

Erinnerungsbild; 1895

Die starke militärische Präsenz des kaiserlichen Deutschland im sogenannten Reichsland Elsaß-Lothringen - worauf diese Aufnahme der Reserve der 8. Kompanie des I. A. Regiments 14 in Straßburg hinweist - war nach 1871 eine unüberwindbare Belastung des deutsch-französischen Verhältnisses, die mit zum Ersten Weltkrieg beigetragen hat.

G 31.6

Erinnerungsbild; 1893/1895

Auch in der badischen Armee wurde preußischer Geist gepflegt - nicht zuletzt durch die Verehrung des ersten preußisch-deutschen Kaisers Wilhelm, der bei seinen Zeitgenossen auch als "Kartätschenprinz" bekannt war, weil er bei der Niederschlagung der Volksaufstände von 1849 im Rheinland Kartätschen - mit gehacktem Blei gefüllte Artilleriegeschosse - eingesetzt hatte.


G 32

1914 - 1918: Der Erste Weltkrieg

Die aggressive Politik des Deutschen Kaiserreichs und anderer europäischer Großmächte führt in den Ersten Weltkrieg.

Aus Hardheim berichtet ein Augenzeuge: "Am 1. August 1914 gingen der Trompeter Otto Käflein und der Ortspolizist Gärtner durch die Straßen von Hardheim. Käflein machte durch ein Trompetensignal die Bewohner auf die Bekanntmachung aufmerksam. Dann verkündete Gärtner die Kriegserklärung. Unter den militärpflichtigen Leuten brach große Freude aus..." - 10 Millionen Menschen starben in diesem Krieg, darunter auch 56 Hardheimer.

Exponattexte

G 32.2

Postkarte; 11.9.1914

Diese Karte - abgeschickt nur sechs Wochen nach Beginn des Ersten Weltkrieges - hat ihren Empfänger nicht mehr erreicht; er war als vermißt gemeldet.

G 32.3

Kriegsbeorderung, 1904

Im Kaiserreich wurden die Reservisten nach Ableistung ihres Wehrdienstes mit solchen Kriegsbeorderungen entlassen - mit genauen Anweisungen für den Fall eines Krieges; so hatte sich der Hardheimer Franz Joseph Kaiser am 9. Tag nach der Mobilmachung beim Bezirkskommando in Mosbach zu melden.

G 32.4

Granate; 1914/1918

Der Stellungskrieg an beiden Fronten fordert unzählige Tote; diese Granate stammt vom Schlachtfeld bei der französischen Gemeinde Suippes in der Champagne, heute Partnergemeinde von Hardheim.

G 32.6

Flugblatt und Lebensmittelmarken; 1914/1918

"Umringt von einer Welt von Feinden" war die Versorgung der Bevölkerung in den Jahren des Krieges zunehmend schwierig; Lebensmittel wurden rationiert und nur gegen Marken verteilt, der Mangel wurde durch die nationalistische Propaganda zum heldenhaften Kampf verklärt.


G 33

1919 - 1933: Die Weimarer Republik

Die erste parlamentarische Republik auf deutschem Boden wurde auch in Hardheim von politischen, wirtschaftlichen und sozialen Konflikten geprägt. Exemplarisch für diese Belastungen erscheinen in Hardheim eine vierfach wiederholte Bürgermeisterwahl - zwischen dem Rücktritt des alten Amtsinhabers im Dezember 1918 und der endlich erfolgreichen Wahl im November 1919 -, negative Entwicklungen in der Wirtschaft - so gehen 1926 durch den Konkurs der Fränkischen Holzwerke weit über 10% der industriellen Arbeitsplätze in Hardheim verloren - und schließlich soziale Belastungen durch die hohe Arbeitslosigkeit Ende der zwanziger Jahre auch in Hardheim.

Exponattexte

G 33.3

Paul von Hindenburg; 1920/1930

Mit dem 1847 geborenen Paul von Hindenburg wurde nach dem Tod des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert 1925 ein Vertreter des untergegangenen Kaiserreichs erster Mann der jungen Weimarer Republik.
Seine Wahl steht ebenso für die Belastungen, denen die erste deutsche Demokratie ausgesetzt war, wie für die Ursachen ihres Scheiterns, an dem Hindenburg durch die Berufung Hitlers zum Reichskanzler direkt beteiligt war.

G 33.1

Die Repräsentanten der Demokratie in Hardheim: der badische Landtag am 23. Mai 1930 vor der neuen Hardheimer Schule.

G 33.4

Die Repräsentanten des anderen Gesichts der Demokratie von Weimar: der Hardheimer Militär- und Kriegerverein 1932 vor der neuen Hardheimer Schule.


G 34

1933 - 1945: Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Neben vielen anderen Aspekten der Zeit des Nationalsozialismus - nicht zuletzt der Verbrechen gegenüber den Juden - steht auch in Hardheim die Vorbereitung auf den Krieg für die Zivilbevölkerung im Vordergrund - seit Mitte der dreißiger Jahre wird der Luftschutz organisiert. Die nationalsozialistischen Machthaber streben gezielt einen Krieg an, dessen furchtbare Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung wissend in Kauf genommen werden.

Allein aus Hardheim und seinen heutigen Ortsteilen wurden fast 400 Menschen getötet - die meisten als Soldaten, einige aber auch als Zivilisten bei Angriffen am Ende des Krieges.

Exponattexte

G 34.1

Urkundenvordruck; 1940

Zur Aufrechterhaltung der Kriegsmaschinerie war schon im ersten Kriegsjahr entsprechende Propaganda unerläßlich - Metallspende zum Geburtstag Hitlers 1940.

G 34.2

Sterbebilder; 1939/45

Die bittere Bilanz des nationalsozialistischen Eroberungskrieges: Sterbebilder aus den Traueranzeigen gefallener Soldaten aus Hardheim.

G 34.3

Luftschutzspritze; 1935/45

Die Auswirkungen des Krieges auf die Zivilbevölkerung waren einkalkuliert; schon seit Mitte der dreißiger Jahre wird die Bevölkerung gezielt auf den Krieg aus der Luft vorbereitet. Jeder Haushalt muß entsprechende Geräte zur Feuerbekämpfung bereit halten, ihre Anwendung wird in Kursen und Übungen erlernt.


G 35

1945-1949: Amerikanische Besatzungszone

Nach der Niederlage des Deutschen Reiches, das mit dem Zweiten Weltkrieg einen der furchtbarsten und folgenschwersten Kriege der Weltgeschichte provoziert und begonnen hatte, wurde das gesamte Territorium von den Siegern besetzt - Hardheim lag wie ganz Nordbaden in der USBZ, der amerikanischen Besatzungszone.

Konsequenzen für die Deutschen aus dem verlorenen Krieg waren einerseits die Verkleinerung des Territoriums, andererseits der Versuch der Sieger, deutsche Minderheiten aus Osteuropa umzusiedeln - vor allem in die Zonen der Westalliierten.

Allein nach Hardheim waren bis zum Jahr 1947 1166 Menschen gekommen: in diesem Jahr bestand die Hardheimer Bevölkerung zu einem Drittel aus Heimatvertriebenen. Der größte Teil der Heimatvertriebenen - 1074 Menschen - stammte aus dem Sudetenland, andere kamen aus Pommern, Ostpreußen, dem Warthegau, Schlesien und Ungarn nach Hardheim.

Exponattexte

G 35.2

Armbinde: MG POLICE - POLIZEI; 1945/48

Nach der Kapitulation des Deutschen Reichs am 8. Mai 1945 lag die gesamte Souveränität in den Händen der Besatzungsmächte - in Hardheim bei der US-Militärregierung -, was auch in der Übertragung der Polizeigewalt auf die Polizei des MG - Military Government - zum Ausdruck kommt.

G 35.4

Frankfurter Presse. Sonderausgabe; 5. Juni 1945

Ein bedeutendes Dokument der deutschen Geschichte: Deklaration der Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte, veröffentlicht vier Wochen nach der Kapitulation und noch sechs Wochen vor Beginn der Konferenz von Potsdam.
(GA Hardheim)

G 35.5

Flugblatt; um 1947

Nach der ersten Einweisung von Vertriebenen und Flüchtlingen wurde oft versucht, durch private Tauschaktionen den Wohnort zu wechseln - sei es aus familiären oder aus wirtschaftlichen Gründen. Bekanntgemacht wurden solche "Anzeigen" durch Aushängen an Mauern, Straßenbäumen und anderen öffentlich zugänglichen Plätzen.


G 36

Die Jugend des Willi Wertheimer

Am 26. März 1897 wurde dem Lehrer der jüdischen Gemeinde in Hardheim, Emanuel Wertheimer, und seiner Frau Marianne das neunte Kind geboren. Der Junge wurde auf den Namen Willi getauft.

Nach seiner eigenen Beschreibung erlebte Willi Wertheimer eine unbeschwerte Kindheit - unbeschadet eher ärmlicher Verhältnisse im Elternhaus.

Die 150 Hardheimer jüdischen Glaubens waren in allen Bereichen in das Leben der Gemeinde integriert; die Besonderheiten der jüdischen Religion wurden toleriert und manche Feste auch zusammen mit Christen begangen.

Willi Wertheimer besuchte die katholische Kinderschule und die Hardheimer Volksschule, außerdem wie die anderen jüdischen Kinder den zusätzlichen Unterricht in der "Judenschule", wie die kleine Hardheimer Synagoge im Volksmund genannt wurde.

Gegen Ende seiner Schulzeit empfahl der Oberlehrer Klumpp den Eltern Willi Wertheimers, ihren Sohn Lehrer werden zu lassen. Willi Wertheimer absolvierte seine Ausbildung in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg.

Wie viele deutsche Juden war auch Willi Wertheimer begeisterter Patriot: er war im Ersten Weltkrieg Frontsoldat, sein älterer Bruder Anselm ist in diesem Krieg gefallen.

Nach dem Krieg arbeitete Willi Wertheimer als Religionslehrer - allerdings nicht nur in der Hardheimer Gemeinde, da diese inzwischen für einen Lehrer allein zu klein geworden war. 1933 lebten nur noch 55 Juden in Hardheim.

Exponattexte

G 36.1

Emanuel und Nany Wertheimer - der Vater Willi Wertheimers mit seiner dritten Frau. Der langjährige Lehrer der jüdischen Gemeinde in Hardheim liegt auf dem jüdischen Friedhof in Hardheim begraben.

G 36.2

Willi Wertheimer hat zusammen mit den anderen Hardheimer Kindern den katholischen Kindergarten Hardheim besucht - auf diesem Bild aus dem Jahr 1902 der zweite von rechts neben der katholischen Kinderschwester.

G 36.3

Im Ersten Weltkrieg war Willi Wertheimer Soldat - hier im Jahr 1917 beim 17. Reserve-Infanterie-Regiment St. Wendel in Idar-Oberstein.

G 36.6

Der Grabstein des Vaters Emanuel Wertheimer, der 1926 gestorben ist; vor dem Grabstein befindet sich heute auch eine Gedenktafel für Anselm Wertheimer, der im Ersten Weltkrieg gefallen ist.


G 37

Flucht vor dem Verbrechen

Auch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten bleibt Willi Wertheimer Lehrer der jüdischen Gemeinden der Umgegend, wie seine Glaubensgenossen von den bisherigen Freunden und Nachbarn mit wenigen Ausnahmen zunehmend schikaniert.

Seit 1935 wanderten die meisten der Hardheimer Juden aus, bis 1942 - als am 22. Oktober alle badischen Juden von der Gestapo verhaftet und in ein Sammellager bei Gurs in Südfrankreich transportiert wurden - waren nur noch 17 Menschen jüdischen Glaubens in Hardheim zurück geblieben. Nur fünf von ihnen haben überlebt.

Willi Wertheimer gelingt im Oktober 1938 über Holland die Emigration in die USA - noch bevor im November 1938 die Synagoge in Hardheim von den Nazis verwüstet wird. Zum Zeitpunkt seiner Flucht ist Wertheimer 41 Jahre alt.


G 38

War Hardheim je meine wahre Heimat?

Nachdem Willi Wertheimer den Mördern seines Volkes entkommen ist, sucht er für den Rest seines Lebens eine Heimat: er wird Bürger der USA und zum zweiten Mal in seinem Leben Soldat - in der US Army.

Er beteiligt sich am Aufbau des Staates Israel, indem er sich in der Organisation eines großangelegten Aufforstungsprojektes in Palästina engagiert - die angelegten Wälder stehen auch symbolisch für die Opfer des jüdischen Volkes.

Er sucht seine Heimat in seinem Geburtsort Hardheim, wo es für den Suchenden in der Zeit der Verdrängung, des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders wie überall in der Bundesrepublik wenig zu finden gibt.

Er sucht seine Heimat in der Erinnerung und schreibt ein Buch über seine Hardheimer Kindheit.

Seine letzten und etwas eigenartig gewordenen Briefe an die Gemeinde Hardheim lassen vermuten, daß er ohne Heimat gestorben ist.

Exponattexte

G 38.1

Willi Wertheimer in der US Army - "Zum 2. Male in der Armee 1942/43 / Camp Robinson Ark. Camp Livingston LA".

G 38.2

Zu seinem 65.Geburtstag wird Willi Wertheimer 1962 eine "Urkunde über 1000 Trees" überreicht, die er in Israel hat pflanzen lassen.

G 38.4

Urkunde über gepflanzte Bäume in Israel - nach Wertheimers Worten "für die deportierten Juden aus Baden-Pfalz, Saargebiet, Oct.1940 nach Gurs SO Frankreich u. in den KZ Lager u. (...) des Ostens u. vergiftet in den Gasöfen".

G 38.5

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes durch den Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in New York, George Federer, an Willi Wertheimer im Jahr 1963.


G 39

Vom Postkarren zum Fernmeldesatelliten

Unsere Gegenwart wird bestimmt von verschiedenen Medien - Hilfsmitteln zur zwischenmenschlichen Kommunikation.

Noch vor hundert Jahren gab es neben dem Gespräch nur die (Hand-)Schrift.

Inzwischen wirken Telefon und mechanische Schreibmaschine altmodisch: vernetzte Computer, Bildschirmtext und Telefax, Rundfunk und Fernsehen und vieles mehr: die Menschen können immer schneller immer mehr und immer komplexere Informationen austauschen.

Heute umkreist eine Unzahl von Satelliten die Erde. Satelliten erforschen das Klima und militärische Stellungen, das Weltall und die Atmosphäre. Satelliten stellen aber vor allem Verbindungen her zwischen allen Erdteilen, im Fernsprechverkehr und für Rundfunk und Fernsehen.

Exponattexte

G 39.1

Postkutschenfahrkarte; 1829

Diese seltene Fahrkarte für eine Postkutsche fand sich in einem Buch aus den Beständen des Museums, eingelegt als Lesezeichen. Übersetzt ins Deutsche lautet der handschriftlich eingetragene Text:
Abfahrt der Postkutsche von Paris nach Strasbourg
am 30. Juni 1829
Um sieben Uhr morgens
Monsieur Louis, Jll. hat die
Summe von fünfundfünfzig Francs bezahlt
für einen Platz, den er erhalten hat
im Wagen Paris Strasbg.
Im Falle verspäteten Eintreffens wird die Anzahlung einbehalten.
Paris, den 28. Juni im Jahr 1829

G 39.2

AEG Mignon Schreibmaschine; 1906
Remington Schreibmaschine; um 1910
Telefon; um 1930
Radiogerät; um 1930
Diaprojektor; um 1950

Alle hier gezeigten Geräte haben eines gemeinsam: sie stehen am Anfang des Zeitalters der Kommunikation.
Die Schreibmaschine hat heute der Computer ersetzt, den antiquierten Fernsprecher das digitale Telefon, das "Dampfradio" der High-Tech-Fernseher, den Diaprojektor der Videorecorder.


W 0

Walter Hohmann

geboren am 18. März 1880 in Hardheim
gestorben am 11. März 1945 in Essen

Ihm verdankt die Welt die Berechnung der Bahnen für die Raumfahrt zur Erreichbarkeit der Himmelskörper.


W 1

Die Eltern

Seit 1873 lebt Dr.Rudolph Hohmann mit seiner Frau Emma als praktischer Arzt und Chirurg am Spital in Hardheim.

Nach dreijähriger Tätigkeit als Hofarzt des Fürsten von Leiningen in Amorbach übersiedelt die Familie mit dem Vater nach Port Elizabeth in Südafrika.

Als Dr. Rudolph Hohmann während einer Deutschlandreise vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht wird, meldet er sich trotz seines hohen Alters freiwillig und wird Arzt im Kriegsgefangenenlager Amberg.



W 2

Kindheit und Jugend

Alle Kinder der Familie Hohmann werden in Hardheim geboren: Eleonore 1875, Caroline 1876 und Walter 1880.

Die Familie wohnt im Hardheimer "Arzthaus", wo Walter Hohmann seine Kinderjahre verbringt.

Nach der Übersiedlung der Familie nach Südafrika Ende 1885 wächst Walter Hohmann in Port Elizabeth auf. Dort besucht er auch bis 1891 die englische Volksschule.

Den Rest seiner Schulzeit absolviert er allerdings zum größten Teil in Deutschland - am Humanistischen Gymnasium in Würzburg, um dort nach dem Willen seines Vaters das Abitur zu machen.

Walter Hohmann lebt in Würzburg in Pension bei Rektor Professor Dr. Bergmann. Im Jahr 1900 legt er sein Abitur ab.

W 0.1

Eckbalken des Hohmann-Geburtshauses; 1610

Die Inschrift auf dem Balken des heute nicht mehr bestehenden Hauses lautet: 1610 / MARIA BAUMENIN / DISER BAU / AUFGESCH/LAGEN <I>ST / GOT DEM / HERN SEI LO<B> / ZU ALLER / FRIST / GOT WOLL<E> / IHN BE<HUT>/EN VO<N AL>/LEM <Rest unleserlich>.

W 3

Der Beruf

Nach dem Abitur studiert Walter Hohmann an der Technischen Hochschule in München; 1904 legt er sein Staatsexamen als Diplom-Bauingenieur ab.

Bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg arbeitet er in verschiedenen Städten und bei verschiedenen Firmen: in Wien, Berlin, Hannover und Breslau. 1912 findet er in Essen am städtischen Hochbauamt eine Stellung - er baut die statische Abteilung und die Materialprüfstelle auf, deren Leiter er bis 1945 bleibt.

In den Krieg ziehen muß Walter Hohmann nicht - 1915 leistet er acht Monate Kriegsdienst als Landsturmmann in Mülheim an der Ruhr.

Seine 1916 eingereichte Dissertation - "Über das Zusammenwirken von altem und neuem Beton in Eisenbetonkonstruktionen" - bleibt durch den Krieg liegen. Erst im April 1919 teilt die Technische Hochschule Aachen - noch unter dem Siegel "Königliche" - die Annahme der Dissertation mit. Es wird Walter Hohmann freigestellt, die mündliche Prüfung erst "nach Friedensschluß" abzuhalten.

Nach dem Ersten Weltkrieg trägt sich Walter Hohmann noch einmal mit beruflichen Änderungsplänen: er bewirbt sich um eine Professur an der Badischen Höheren Technischen Lehranstalt in Karlsruhe. Die Bewerbung scheitert jedoch an Gehaltsfragen.

Exponattexte

W 3.1

Ein Schreiben der Königl. Technischen Hochschule Aachen vom April 1919, in dem Walter Hohmann die Annahme seiner Dissertation mitgeteilt wird; für die mündliche Prüfung wird es Hohmann freigestellt, ob er "unter den gegenwärtigen Umständen herzukommen" versucht oder "die Angeleegenheit bis nach Friedensschluß vertagen" will.

W 3.2

Mit diesem Schreiben des Staatlichen Materialprüfungsamts in Berlin vom 7. Februar 1920 wird Walter Hohmann mitgeteilt, daß das Amt seine Dissertation angekauft hat, um sie "für seine Zwecke zu verwerten".


W 4

Raumfahrt als Steckenpferd

Schon vor dem Ersten Weltkrieg zieht es den Bauingenieur Walter Hohmann hin zu einem ganz anderen Fachgebiet: in seiner Freizeit beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema Weltraumfahrt.

Zu dieser Zeit ist der Gedanke, daß Menschen einmal zum Mond oder noch weiter fliegen, reine Utopie - Science Fiction von Menschen vom Schlage eines Jules Verne.

Dagegen setzt Walter Hohmann seine sehr konkrete Utopie: noch in der Zeit des Krieges wendet er die Gesetze der klassischen Himmelsmechanik auf künstliche Flugkörper an und führt erste Bahnberechnungen durch.

Seine Ergebnisse hält er in einer Kladde mit dem Titel "Über die Erreichbarkeit des Mondes und der Planeten" fest; eine Seite der Kladde ist auf den 4. März 1917 datiert.


W 5

Familienleben

1915 heirateten Walter Hohmann und Luise Jünemann; 1916 wurde der erste Sohn Rudolf, 1918 der zweite Sohn Ernst geboren.

Hohmann hatte schon vor seiner Ehe seine Ansichten zum Leben, zur Liebe und zur Kindererziehung in einem umfangreichen Manuskript - "Briefe an mich selbst" - niedergeschrieben.

Seine von Humanismus und Aufklärung bestimmten Lebensgrundsätze wurden im Alltag der Familie verwirklicht: "Kinder müssen aufwachsen wie Blumen in einer Wiese. Ist der Boden gut, gedeihen sie auch gut."

Den militaristischen Zeitgeist des Kaiserreichs lehnte Walter Hohmann ab: "Nur kein Kadavergehorsam! der erzieht zum Heucheln und ist des Übels Anfang!"

In den zwanziger Jahren stand im Alltag der Familie das Steckenpferd des Vaters im Vordergrund: "Vom Weltraum- und Raketenfieber waren wir alle ergriffen" berichtet Rudolf Hohmann. "So gab es Lesezeichen mit feuerbeschweiften Raketen zu Vaters Geburtstag, Geschichten »Raketen bei den Indianern« als Hausaufsatz und Gedichte zumn Thema..."


W 6

Der lange Weg einer Idee

Nach dem Krieg bietet Walter Hohmann sein Manuskript - die "Kladde" - vergeblich zur Veröffentlichung an. Aber man reagiert mit Unverständnis und ohne Interesse - noch immer gelten die wenigen, die an die Möglichkeit bemannter und unbemannter Raumflüge glauben, als Phantasten.

Erst als Walter Hohmann im Januar 1925 auf das gerade erschienene Buch "Die Rakete" von Hermann Oberth stößt, das im Oldenbourg-Verlag in München erschienen ist, zeichnet sich eine erste Anerkennung seiner Arbeit ab. Der Oldenbourg Verlag reagiert postwendend auf die Einsendung des Manuskriptes und gibt es an Max Valier und Hermann Oberth zur Begutachtung weiter.

Allerdings bringen Rezensionen des Buches, das im Herbst 1925 erscheint, das allgemeine Unverständnis gegenüber den ihrer Zeit vorauseilenden Gedanken und Überlegungen Hohmanns zum Ausdruck: so wirft ein Rezensent Walter Hohmann vor, er schade dem Ansehen der Mathematik, da er "von der Erfahrung zu weit abliegende große Sprünge" mache.


W 7

Die Erreichbarkeit der Himmelskörper

Hohmanns Hauptwerk erschien im November 1925 in einer Auflage von 2.100 Exemplaren zum Preis von 5.- RM.

Im Kreis der anderen "Phantasten" wird es schnell als Grundlage weiterer Überlegungen und Forschungen akzeptiert: Wernher von Braun nennt Hohmanns Berechnungen "bahnbrechend".

In den fünf Kapiteln des Buches untersucht Walter Hohmann systematisch die einzelnen Abschnitte des Raumfluges zwischen den Planeten unseres Sonnensystems: den Start von der Erde, die Rückkehr auf die Erde, der freie Flug im Raum, Umlaufbahnen um Mond und Planeten und schließlich die Landung auf Mond und Planeten.

Hohmanns Grundgedanke liegt dabei in der gleichsinnigen Ausrichtung der Erd- und Planetenbahnen: dadurch kann die hohe Eigengeschwindigkeit der Planeten für den künstlichen Raumflugkörper nutzbar gemacht werden.

Die günstigste Flugroute zwischen zwei Planeten ist nach Hohmann annähernd eine Ellipse, die die Kreisbahnen von Start- und Zielplanet berührt. Noch heute heißen solche Bahnen Hohmann-Bahnen: beispielsweise ist die Sonde Voyager 2 seit 1977 auf einer solchen Bahn unterwegs und hat im August 1989 den Planeten Neptun passiert.

Hohmann erkennt schon vierzig Jahre vor dem ersten bemannten Raumflug die besonderen Schwierigkeiten beim Start und vor allem bei der Rückkehr zur Erde. Ebenso formuliert und berechnet er vorausschauend die Zusammenhänge zwischen Masse bzw. Gewicht eines Flugkörpers, notwendiger Beschleunigung und Flugdauer.

Unter seinen Vorschlägen zur konkreten Verwirklichung findet vor allem der Gedanke später Anwendung, daß eine Landung auf einem anderen Planeten durch ein leichtes Beiboot am günstigsten durchzuführen ist.


W 8

Die Möglichkeit der Weltraumfahrt

"Jeder, der eine weite Reise vor hat, tut gut daran, vorher einen genauen Reiseplan auszuarbeiten, der ihm Klarheit über die einzuschlagende Reiseroute und die voraussichtliche Reisedauer verschafft..."

Mit diesen Worten leitet Walter Hohmann seine zweite Veröffentlichung ein: den Aufsatz "Fahrtrouten, Fahrtzeiten, Landungsmöglichkeiten künstlicher Raumflugkörper" in Willy Leys 1928 erschienenem Buch "Die Möglichkeit der Weltraumfahrt". An diesem Buch arbeiteten neben Hohmann auch Oberth, Debus und andere Raumfahrtpioniere mit.

Die Selbstverständlichkeit, mit der Hohmann in diesem Beitrag regelrechte Fahrpläne für den interplanetaren Verkehr entwickelt, stützt sich nicht zuletzt auf den technischen Fortschritt, der seit der Niederschrift seines ersten Buches erzielt werden konnte. Vor allem die Raketentechnik kommt voran: Max Valier entwickelt zusammen mit Fritz von Opel ein Auto mit Raketenantrieb (1928), 1929 fliegt das erste raketengetriebene Flugzeug.

Die Weiterentwicklung seiner Bahnberechnungen auf der Grundlage des technisch immer mehr Vorstellbaren führt Walter Hohmann nun zu der Lösung, auf dem Mond eine Basis für interplanetare Raumflüge einzurichten und so die geringere Schwerkraft des Erdtrabanten zur Reduzierung des Startgewichts zu nutzen.

Hohmanns Fazit lautet allerdings, "daß auch bei Benützung des Mondes als Stützpunkt vorläufig die Beschränkung auf den Verkehr mit den beiden Nachbarplaneten Venus und Mars geboten erscheint..."


W 9

Im Kreis der Raumfahrtpioniere

Die wenigen Wissenschaftler, die in den zwanziger Jahren und teilweise schon vorher an der Entwicklung der Raketen- und Raumfahrttechnik arbeiten, stehen in engem Kontakt miteinander, auch über Länder- und Sprachgrenzen hinweg.

Nach Erscheinen seines Buches wird Walter Hohmann ganz selbstverständlich in diesen Kreis einbezogen. Er korrespondiert mit den meisten bedeutenden Forschern seiner Zeit - mit den Russen Ziolkowski und Rynin, dem Franzosen Esnault-Pelterie, dem Rumäniendeutschen Oberth.

Der Raketenpionier Max Valier ist häufiger Gast bei Familie Hohmann in Essen.

Ende der zwanziger Jahre beginnen sich in Deutschland die Raumfahrt-Interessierten zu organisieren: in Berlin wird der Verein für Raumschiffahrt gegründet, der seit 1930 den ersten Raketenflugplatz unterhält. Dort startet 1931 die erste deutsche Flüssigkeitsrakete Mirak 1.

Hohmann wird mehrfach der Vorsitz des Vereins angetragen, was er jedoch ablehnt. Anfang der dreißiger Jahre zieht er sich aus dem Kreis zurück und lehnt weitere Mitarbeit ab, so im Herbst 1932 an einem Buch über die bedeutendsten Raketenforscher.

Er begründet seine Ablehnung mit Zeitmangel. Aber auch die politischen Ereignisse werfen ihre Schatten voraus.

Exponattexte

W 9.3

Ein Brief von Professor Nicolas Rynin aus Leningrad an Walter Hohmann aus dem Jahr 1926 mit der Bitte um Unterstützung bei der Herausgabe eines Buchs über die Geschichte der Raumfahrt.

W 9.4

Als Reaktion auf seinen Beitritt zum Verein für Raumschiffahrt in Breslau im Jahr 1927 wird Walter Hohmann aufgefordert, im Vorstand des Vereins mitzuarbeiten.

W 9.5

Widmung des  französischen Raumfahrtpioniers Esnault-Pelterie für Walter Hohmann aus dem Jahr 1930; er schreibt: "Es freut mich Ihnen dieses Buch als Zeichen meiner aufrichtigen Anerkennung Ihrer wertvollen kosmonautischen Arbeiten senden zu können."

W 9.6

Ein Brief Hermann Oberths an Walter Hohmann aus dem Jahr 1930: Hohmann soll den Vorsitz im Verein für Raumschiffahrt übernehmen.

W 9.6a

Briefkonzept Walter Hohmanns für ein Antwortschreiben an Hermann Oberth vom 12.1.1931: er lehnt den Vorsitz "wegen starker beruflicher Inanspruchnahme" ab, aber auch aufgrund von Bedenken gegen die Berliner Vereinsführung, an der ihn "hauptsächlich die für den nichtberliner Geschmack etwas allzu reklamehafte Aufmachung der Vereinsmitteilungen sowie das geheimnisvolle Schweigen über die gegenwärtige Finanzlage des Vereins stört".

W 9.7 / 9.8

Am 17. November 1932 bittet Werner Brügel mit dieser Postkarte Walter Hohmann um die Mitarbeit an einem Buch "über die bedeutendsten Raketenforscher"; Hohmann antwortet: "Leider ist es mir gegenwärtig aus Zeitmangel nicht möglich, einen auch nur kurzen Beitrag zu Ihrem Buch zu liefern. Ausserdem habe ich den Eindruck, dass in den letzten Jahren über und durch die Raketenspezialisten schon mehr geschrieben worden ist als der Sache zuträglich erscheint. Ein Wiedererwachen des eingeschlummerten Interesses kann m.E. nur durch praktische Versuchsergebnisse erwartet werden."

W 9.9

Walter Hohmanns Mitgliedskarte der Österreichischen Gesellschaft zur Förderung der Raumforschung, ausgestellt 1931.

W 9.10

Walter Hohmanns Mitgliedskarte des Vereins für Raumschiffahrt Berlin, ausgestellt 1932.


 

W 10

Lebensphilosophie

Seine Lebensphilosophie spielte für Walter Hohmann eine bedeutende Rolle, gerade in der Zeit des Dritten Reichs: er setzte seinen Humanismus gegen den Ungeist der Zeit.

Walter Hohmann brach den Kontakt mit den Wissenschaftlern ab, die wie Oberth und von Braun im Auftrag des Heereswaffenamtes in Peenemünde die erste Großrakete A 4 entwickelten, die als V 2 mehrere tausend Tonnen Sprengstoff nach England trug.

Hohmann hat mit feinsinniger Kritik nicht gespart - er hielt nichts von Kadavergehorsam und überspanntem Patriotismus; er kleidete seine Distanz gegen die Nationalsozialisten in Bildergeschichten und Glossen, die im Kollegenkreis kursierten.

In seinem Amt konnte man nicht auf ihn verzichten, zumal er durch seine Menschlichkeit sehr beliebt war. Allerdings wurde er auch nicht mehr zum Oberbaurat befördert.

Das Ende des Kriegs hat Walter Hohmann nicht mehr erlebt, auch nicht den Tod seines Sohnes Ernst an der Front: eine Woche vor seinem 65.Geburtstag starb er, entkräftet durch die ständigen Bombenangriffe und die mangelnde Versorgung, zwei Stunden vor der Zerstörung der Stadt Essen durch die Alliierten.


W 11

Der Mond

Schon während des Krieges hatte Walter Hohmann vorausgesagt, daß die USA als erste den Mond erreichen würden.

Entscheidenden Anteil am Gelingen der ersten Mondlandung am 21. 7. 1969 hatten deutsche Wissenschaftler, die von der US-Army 1945 aus Peenemünde in die USA gebracht worden waren - allen voran Wernher von Braun und Hermann Oberth.

Wernher von Braun entwickelte das Apollo-Programm, das von vornherein die bemannte Mondlandung als Ziel hatte. Dabei wurde auf Hohmanns Gedanken vom Einsatz eines Beiboots zurückgegriffen; auch seine Überlegungen zu Flugphasen und -bahnen wurden weiterentwickelt.

Oberth und von Braun waren es auch, die Hohmanns Berechnungen und Vorarbeiten immer wieder gewürdigt haben, zuletzt durch die Initiative von Brauns, einen Mondkrater nach Hohmann zu benennen.

Exponattexte

W 11.1

Im Jahr 1958 schreibt Wernher von Braun - damals noch bei der Army Ballistic Missile Agency, der militärischen Vorläuferin der NASA - über die Bedeutung von Walter Hohmanns Buch: "Ich habe es bereits als Schuljunge verschlungen."

W 11.2

Schreiben Wernher von Brauns aus dem Jahr 1970 an Walter Hohmanns Sohn Rudolf, in dem er ihm die Benennung des Hohmann-Kraters mitteilt.

W 11.7

Einige Manuskriptseiten aus der Feder Walter Hohmanns - zum einen mit einem ungewöhnlichen Vorschlag für eine Mehr-Stufen-Rakete, zum anderen mit dem trotzigen Ausruf "Aber wir kriegen ihn doch!", den er auf einer Manuskriptseite vom 25. August 1923 gegen die Hindernisse des bemannten Raumfluges setzt: "Verfluchte Erde, von deren Schwerkraft wir uns nicht losmachen können!"

W 11.6

Etwa fünfzig Jahre nach Walter Hohmanns ersten Überlegungen über die Erreichbarkeit des Mondes landeten am 21. Juli 1969 die ersten Menschen auf dem Mond; den Weg haben sie auf einer Hohmann-Bahn zurückgelegt, die Expedition folgte in ihren Schritten im Grunde seinen Anregungen.

Apollo 11 startete am 16. 7. 1969 vom John F. Kennedy Space Center auf Cape Canaveral aus (1); nach Zündung der zweiten Stufe der Trägerrakete Saturn 5 (2) Eintritt in eine erdnahe Parkbahn (3). Die dritte Stufe katapultierte Apollo in Richtung Mond (4). Unterwegs wurde die dritte Stufe abgesprengt (5), und die Mondlandeeinheit (LM) nach einem komplizierten Wendemanöver an die Kommandoeinheit (CM) angekoppelt (6).

 

Nach Eintritt in eine Mondumlaufbahn wird Hohmanns Idee realisiert, "dass nicht das ganze, für die grosse Reise ausgerüstete Fahrzeug mit allen Insassen die Landung und den Wiederaufstieg unternimmt, sondern nur eine leichte Art Beiboot mit einem einzelnen Beobachter (7 bis 10), während das Hauptfahrzeug den betreffenden Planeten umkreist. Nach erfolgter Rückkehr des Beobachters (11) kann das Beiboot zwecks Gewichtsersparnis abgestossen werden (12)..." - so Walter Hohmann in einem 1927 veröffentlichten Aufsatz.

Die Kommandoeinheit wird auf die Flugbahn Richtung Erde gebracht (13), unterwegs die Versorgungseinheit abgesprengt (14); nach Wiedereintritt der Kapsel in die Erdatmosphäre (15) erfolgt die Landung im Pazifik (16).


W 15

Aspekte der Raumfahrt

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs schreitet die Entwicklung von Raketen- und Raumfahrttechnik in rasantem Tempo fort. Sie ist heute als einer der wichtigsten Technologieträger kaum mehr wegzudenken. Das Thema Weltraum ist deshalb sehr vielschichtig geworden.

An erster Stelle steht nach wie vor der militärische Aspekt. Nicht erst seit den amerikanischen Plänen zur Verteidigung aus dem Weltraum (SDI) wird die Raumfahrt unter diesem Gesichtspunkt gefördert und finanziert.

Eng damit verbunden ist der Aspekt des nationalen Prestiges: nicht nur die USA und die UdSSR forschen im All, inzwischen sind auch die Europäer und einige Schwellenländer der Dritten Welt wie Indien und China in den Kreis der Raumfahrtnationen aufgerückt.

Raumfahrt ist zu einem bedeutenden Faktor in den Volkswirtschaften der Industriestaaten geworden, auch wenn die Dimensionen des amerikanischen Apollo-Programms nicht mehr erreicht worden sind: an den 17 Missionen waren 300.000 Beschäftigte beteiligt; die Kosten beliefen sich auf 25 Milliarden US-$.

Raumfahrt besitzt inzwischen hohen praktischen Stellenwert im Leben der westlichen Nationen: sei es die weltweite Übertragung eines sportlichen Großereignisses oder das Telefonat mit Verwandten in San Francisco.

Letztlich spielt natürlich auch die wissenschaftliche Forschung eine Rolle, wenngleich allein der Forschung willen wohl kaum die hohen Kosten aufgewendet werden würden.

Exponattexte

W 15.4

Mercury Atlas Rakete, Maßstab 1:40; 1961/63

Mit Hilfe der Atlas-Trägerrakete wurden im Rahmen des amerikanischen Mercury-Programms zwischen 1961 und 1963 die vier ersten bemannten US-Raumflüge durchgeführt.

W 15.5

Gemini Titan Rakete, Maßstab 1:40; 1965/66

Die modifizierte militärische Rakete Titan II wurde als Trägerrakete des amerikanischen Geminiprogramms verwendet; die zweistufige Rakete transportierte in zehn Missionen bemannte Gemini-Raumkapseln in den Weltraum.

W 15.6

Apollo Saturn Rakete, Maßstab 1:40; 1968/69

Die dreistufige Trägerrakete Saturn 5 - 2.900 Tonnen Startgewicht, 111 m hoch - brachte innerhalb des Apollo-Programms der NASA Raumkapsel und Mondlandefähre auf ihre Bahn zum Mond.

W 15.7

Das Raketenversuchsgelände Peenemünde im Jahr 1943 mit drei V 2 Raketen - die ersten Flüssigkeitsgroßraketen der Welt wurden für militärische Zwecke entwickelt und gebaut. Jede der 14,2 m langen Raketen konnte 1000 kg Sprengstoff über 300 km weit tragen.

W 21

Höhenforschungsrakete Nike Tomahawk; 1969

Mit der hier gezeigten Nutzlastspitze einer Nike-Tomahawk-Höhenforschungsrakete wurde 1969 in USA ein Experiment zum Einfluß der Schwerelosigkeit auf den Stoffwechsel von Blutegeln durchgeführt.

W 22

Modell des Forschungssatelliten Azur (Originalgröße); 1969

Der 1969 gestartete Forschungssatellit Azur war der erste Satellit, der in der Bundesrepublik Deutschland entwickelt und gebaut wurde. Der Satellit führte Messungen im Van-Allen-Strahlungsgürtel und Untersuchungen der Polarlichterscheinungen und des Sonnenwindes durch.
Die gesamte Oberfläche des Satelliten war mit 5044 Solarzellen zur Energieversorgung bedeckt, die eine Leistung von 44 W erbrachten; zur Ausrüstung des Satelliten gehörten neben einer Sende- und Empfangsanlage ein Protonenteleskop, ein Protonen- und Elektronendetektor - ein Zählgerät für geladene Teilchen-, ein Photometer und ein Magnetometer.

W 15A

Wettlauf ins Weltall

Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt im Zeichen des Kalten Krieges ein Wettlauf zwischen den USA und der UdSSR um die Erschließung des erdnahen Weltraums:
1949 Höhenrekord mit 400 km Höhe (A 4 mit WAC-Corporal-Rakete; USA)
1957 Sputnik 1 als der erste Satellit der Welt (UdSSR)
1957 die Hündin Lajka ist in Sputnik 2 das erste Lebewesen im All (UdSSR)
1958 Explorer 1 als erster amerikanischer Satellit
1959 Lunik 1 fliegt als erste Mondsonde am Mond vorbei (UdSSR)
1959 Discoverer 1 als erster Satellit mit militärischen Geheimaufträgen (USA)
1959 die Sonde Luna 2 schlägt auf dem Mond auf (UdSSR)
1959 Lunik 3 liefert erste Bilder der Mondrückseite (UdSSR)
1960 Pioneer 5 als erste Raumsonde zur Venus (USA)
1960 Tiros 1 als erster Wettersatellit (USA)
1960 Courier 1 B als erster Nachrichtensatellit (USA)
1961 J.Gagarin fliegt mit Wostok 1 als erster Mensch in den Weltraum (UdSSR)
1962 J.Glenn ist mit Mercury 6 der erste Amerikaner im All
1963 Walentina Tereschkowa ist in Wostok 6 die erste Frau im Weltall (UdSSR)
1965 A.Leonow bewegt sich beim Flug von Woschod 2 als erster Mensch im freien Raum (UdSSR)
1966 der Sonde Luna 2 gelingt die erste weiche Landung auf dem Mond (UdSSR)
1967 E.White, V.Grissom und R.Chaffee verbrennen bei einem Bodentest in einer Apollo-Kapsel (USA)
1967 verunglückt W.Komarow mit Sojus 1 tödlich (UdSSR)
1968 F.Borman, J.Lovell und W. Anders umkreisen mit Apollo 8 erstmals den Mond (USA)
1969 N. Armstrong, M.Collins und E. Aldrin fliegen mit Apollo 11 zum Mond, den Armstrong am 20. Juli als erster Mensch betritt (USA)
1971 Start der ersten bemannten Raumstation Saljut 1 (UdSSR)
1971 Apollo 15 bringt erstmals ein Fahrzeug zum Mond (USA)
1975 Mariner 10 fliegt in nur 375 km Abstand am Merkur vorbei (USA)
1975 Apollo-Sojus, erstes gemeinsames Raumflugprojekt von USA und UdSSR
1977 Start von Voyager 2 - erste unbemannte Expedition an den Rand des Sonnensystems (USA)
1978 Absturz des Satelliten Kosmos 954 über Kanada (UdSSR)
1979 Voyager 2 passiert den Jupiter (USA)
1980 L.Popow und W.Rjumin halten sich 184 Tage in Saljut 6 auf (UdSSR)
1980 Voyager 2 passiert den Saturn (USA)
1981 Flug des ersten Space Shuttle (USA)
1986 Voyager 2 passiert den Uranus (USA)
1989 Voyager 2 passiert den Neptun (USA)


W 17

"Eine makabre Propaganda für eine friedliche Sache..."
(Walter Hohmann 1945, angesichts einer aufsteigenden V 2)

Seit Erfindung der Rakete in der frühen Neuzeit und seit Beginn der Geschichte der Raumfahrt gehen Forschergeist und Waffentechnik immer wieder enge Verbindungen ein: Pulverraketen dienten im Europa des 19. Jahrhunderts als Waffe. Die ersten Großraketen trugen deutsche Bomben nach England - die in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde entwickelte Rakete A 4 flog zwischen September 1944 und März 1945 über 4.300 Einsätze mit je 1000 kg Sprengstoff und sollte als Wunderwaffe Hitlers Krieg gewinnen helfen.

Die führenden Köpfe der nationalsozialistischen Raketenpläne arbeiteten mit wenigen Ausnahmen nach 1945 für die US-Armee - bei der Army Ballistic Missile Agency. Erst 1958 wurde die NASA als zivile Luft- und Raumfahrtbehörde gegründet.

Angesichts der V 2 sagte Walter Hohmann weiter: "Also wird doch wieder der alte Heraklith herhalten müssen, »bellum pater omnium«"»


W 20

"Die Völker alle beherrsche nur eine Macht, der Fortschritt..."
(Walter Hohmann 1912)

Fortschritt wird groß geschrieben im Bereich der Erforschung und Nutzung des Weltraums - aber nur zur Erreichung bestimmter Interessen, seien es kommerzielle, militärische oder nationale.

Aber Fortschritt als Selbstzweck kann es nicht geben: so scheint der Fortschritt im bemannten interplanetaren Raumflug seit der Beendigung des Apollo-Programms - im Gegensatz zur stürmischen Entwicklung im Bau von Satelliten und Sonden - zu stagnieren.

Dabei sind weniger technische Schwierigkeiten solcher Flüge ausschlaggebend als vielmehr finanzielle Erwägungen: anstehende Forschungsaufgaben können von vollautomatisierten Sonden weitaus kostengünstiger gelöst werden.

Auch fehlt bislang ein geeigneter Antrieb zur Erhöhung der Reisegeschwindigkeit - selbst Flüge zu den Nachbarplaneten dauern beim heutigen Stand der Technik zu lange, zumal die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf den menschlichen Organismus noch wenig erforscht ist - diesem Ziel hat sich neben anderen die sowjetische Raumforschung mit der Durchführung langer Aufenthalte im Raum verschrieben.

Walter Hohmanns Idee von der Erreichbarkeit der Himmelskörper für den Menschen wird deshalb wohl noch für einige Zeit Utopie bleiben.

Exponattexte

W 20.1

"Aber wir kriegen ihn doch!" - diesen trotzigen Ausruf setzt Walter Hohmann auf einer Manuskriptseite vom 25. August 1923 gegen die Hindernisse des bemannten Raumfluges: "Verfluchte Erde, von deren Schwerkraft wir uns nicht losmachen können!"


 

H 1

Hardheimer Handwerk

Schon in der frühen Neuzeit spielte in Hardheim das Handwerk als Erwerbszweig neben der Landwirtschaft eine bedeutende Rolle.

Obgleich es bis ins 19. Jahrhundert hinein selten blieb, daß ein Handwerker seinen Lebensunterhalt allein durch sein Handwerk erwerben konnte, und neben seiner Werkstatt fast immer auch eine kleine Landwirtschaft betreiben mußte, ist die Palette der früh bezeugten Handwerke in Hardheim groß.

Einige dieser Berufe gibt es heute nicht mehr, andere haben sich von Grund auf gewandelt: das Museum kann eine Auswahl davon präsentieren.


H 2

Zünfte in Hardheim: Der Brief der Leinenweber

Im Mittelalter schließen sich in den Städten die Handwerker aus unterschiedlichen Gründen zu Zünften zusammen.

Dabei ging es zum einen um die soziale Absicherung des einzelnen Handwerkers und seiner Familie, aber auch um den Ausschluß gegenseitiger Konkurrenz.

Zum anderen aber konnten die Handwerker mit den Zünften ihre Position in der Auseinandersetzung um die Macht innerhalb der Städte stärken.

Die Glanzzeit der Zünfte ging jedoch mit Ausgang des Mittelalters zu Ende - Behinderung unternehmerischer Initiative und wirtschaftlicher Entwicklung in den Städten war ebenso Konsequenz des Zunftsystems wie soziale Mißstände im Verhältnis zwischen Meistern und Gesellen.

Die Bildung von Zünften in Marktflecken und Kleinstädten wie Hardheim im 17. Jahrhundert hatte ganz andere Gründe: der absolute Machtanspruch der barocken Fürsten erstreckte sich auch auf die Regelung der wirtschaftlichen Aktivitäten der Untertanen.

Die älteste Zunft in Hardheim ist die der Leinenweber - der Würzburger Fürstbischof Johann Philipp von Schönborn verfügt am 8. August 1670 die Bildung dieser Zunft in Hardheim.

In den folgenden drei Jahrzehnten werden die weiteren Hardheimer Zünfte gebildet: 1680 die Schneiderzunft, 1688 die Bauzunft - Schreiner, Maurer, Steinhauer, Zimmerleute, Glaser, Nagelschmiede, Messerschmiede und Uhrmacher; 1693 die Zunft der Bäcker und Müller, 1699 die der Wagner, der Huf- und der Waffenschmiede. Deutlich später folgt dann schließlich 1725 die Zunft der Büttner und Metzger.

Exponattexte

H 2/1

Zunftbrief der Hardheimer Leinenweber; 1670
(GA Hardheim U 14)

Transkription der Seite 1:
Wir Johann Philips von Gottes gna-/ den deß heyligen Stulß zu Mainz ErzBischoff, deß / heyligen Römischen Reichs durch Germanien, Erz / Canzler und Churfürst, Bischoff zu Würzburg vnd / Wormbs, vnd Herzog zu Franckhen p. Demnach / Uns die Sambtliche Unsere Underthanen deß Leinen / weber Handtwerckhs, in Unseren Ämbtern Hart/heimb und Schwaimberg Underthenigs gebotten, Wir / wolten gnadigst geruhen, Ihnen ein gewiße Zunft-/ordnung, zu abschneidung allerhand in ihrem hand/werckh Einreißender Stümphereyen, forderichst / aber, damit ihr handwerckh Zu besserer <unleserlich> / nahm : und beförderung, in redlichem wandel / erhalten; Vnd Sye, wie auch ihre Kinder, Gesel-/len und Jungen, an andren orthen und Zünfften / passirt und nit außgeschlossen werden mögten, / Zu ertheilen. Bekennen / offentlich mit diesem Brieff gegen Männiglich, / daß Wir ihr Vnderthenigste bitt angesehen, Vnd / 20 nachfolgende Satz: und Ordnung dergestalt ge=/geben, und Confirmirt haben; daß hirdurch die / Arbeit nit ersteigert, dem Armen als dem Reichen, / und dem reichen als dem Armen, guette gerechte Arbeith / in billigem werth, verfertiget; auch die sich umbs

Exponattexte

H 0.4

Zunfttruhe der Hardheimer Leinenweber; um 1800

Jede Hardheimer Zunft war im Besitz einer Zunfttruhe; sie war in der Regel mit einem doppelten Schloß versehen und diente zur Aufbewahrung wichtiger Dokumente und Wertsachen.


H 3

Vom Flachs zum Linnen

Zu den ältesten Kulturtechniken gehört die Herstellung von Kleidern und Stoffen aus pflanzlichen Fasern.

In Mitteleuropa wurde dazu meist Flachs, seltener auch Hanf benutzt. Dabei gehörte die Aufbereitung des pflanzlichen Rohstoffs in den bäuerlichen Bereich, während die Verarbeitung des fertigen Fadens zu Stoff - das Weben - schon früh als Handwerk ausgeübt wurde.

Die Verarbeitung der getrockneten Flachs- oder Hanfpflanzen erfolgte in fünf Schritten.
Zuerst wurden Samenkapseln und Blätter mit der Riffel - oder Reffe - abgekämmt, so daß nur noch die Stengel der Pflanze übrig blieben.
Danach wurde der Flachs gedarrt bzw. geröstet, damit sich die holzigen Teile beim Brechen mit der Flachsbreche von den Fasern lösen.
Auf dem Schwingstock werden die Fasern weiter verfeinert - es entsteht der Schwingflachs.
Der letzte Arbeitsschritt vor dem Spinnen war das Hecheln - der Schwingflachs wird noch weiter aufgefasert.

Auf dem Spinnrad werden die Flachsfasern zum Faden zusammengedreht - gesponnen; vor dem Weben muß der Faden noch auf Kett- und Schußspulen gebracht werden, wobei die Haspel zum Umspulen des Fadens benutzt wird.

Exponattexte

H 2.1
Hechelstuhl
Die Hechel diente zum Auffasern des gebrochenen Flachs.

H 2.2
Flachsbreche
Nach dem Trocknen oder Darren wurden die Flachspflanzen mit Hilfe der Flachsbreche gebrochen.

H 2.3
Spinnrad
Mit dem Spinnrad wurden die feinen Flachsfasern zu Fäden versponnen.

H 2.4
Haspel
Mehrfach mußten Fasern und Faden während des Herstellungsprozesses von Kleidung mit einer Haspel umgespult werden.

H 2.6
Schwingstock
Auf dem Schwingstock wurden mit dem Schwingmesser die Holzteile des auf der Breche bearbeiteten Flachses herausgeschlagen.

H 2.8
Stoff; Hanf
Neben Flachs lieferten auch Hanfpflanzen Fasern zur Stoffherstellung.

H 1.1
Webstuhl; 18. Jahrhundert
Der etwa 200 Jahre alte Webstuhl stand bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg im Haus der Hardheimer Weberfamilie Philipp und wurde zum Weben im Auftrag der flachsanbauenden Bauern benutzt.
Augenzeugen können sich noch heute an den Webstuhl mitten in der Stube des sehr kleinen Hauses erinnern - der Webstuhl füllte fast den ganzen Raum aus, das Leben der Familie spielte sich um ihn herum ab.


H 12

Der Seiler

Für die Seefahrt waren Schnüre, Seile und Taue von größter Bedeutung - und die berühmte Hamburger Reeperbahn hat ihren Namen von der Seilerbahn, auf der der Seiler seine Produkte fertigt.

Aber auch in der Landwirtschaft wurden Seile für viele Zwecke dringend benötigt. So zogen die Seiler noch bis in die fünfziger Jahre hinein von Hof zu Hof, um ihre Dienste anzubieten.

Hergestellt wurden Seile meist aus Hanf, der in ähnlicher Weise verarbeitet wurde wie der Flachs für das Leinen.

Die Hanffasern wurden mit dem Seilerrad zuerst zu einem Faden versponnen, mehrere Fäden dann zu einer Litze zusammengedreht, mehrere Litzen zu einem Seil.


H 15

Der Schönfärber

Ein Teil der neugewebten Leinenstoffe wurde vom Schön- oder Blaufärber gefärbt.

Im Gegensatz zu den Schwarzfärbern, die nur einfach eingefärbte Stoffe lieferten, bedruckten die Schönfärber die Textilien mit teilweise kunstvollen Mustern und Ornamenten.

Sie wurden häufig auch Blaufärber genannt nach der am häufigsten benutzten Farbe, dem Blau des Indigo, wie es heute noch für Blue Jeans verwandt wird.

Gedruckt wurde in einem sogenannten Reservedruck-Verfahren: auf die Ornamente der Model wurde der "Papp" aufgetragen und mit dem Model auf den Stoff gedruckt. Dann wurde der ganze Stoff gleichmäßig eingefärbt, wobei die Stellen mit dem Papp weiß blieben.

Zuletzt wurde der Papp aus dem Stoff herausgewaschen. Die für den Blaudruck typischen feinen Muster auf blauem Grund waren entstanden.

 

Exponattexte

H 15.1
Färbermodel
Die Muster der Färbermodel sind teilweise in Holz geschnitzt, teilweise aus Drahtstiften zusammengesetzt. Manche Model ergänzen sich gegenseitig und können zu größeren Mustern zusammengesetzt werden.

H 15/3

Eine neu herfürgegebene Farb-Belustigung von allerlei Farben auf Leinen und Wollin zu färben

Aschgrau zu färben: nimm auf 1 Pf. Wollen 1 L. Allaun, 1 L. Wst., 1 L. Galläpfel, stoß alles klein, laß es bis an das Aufsieden kommen, nimm alsdann den Schaum hinweg und tue die Wolle hinein, laß 1½ St. kochen, alsdann abgekühlt und ausgespült. Willst du es blaulicht haben, so siede ein halb L. Blauholz ab, rühre die Wolle wohl um und gib Achtung, daß sie nicht zu blau werde, soll sie aber blauer sein, läßt man sie mehr kochen und meisterts mit Kammer-Lauge. Wer sie rötlich haben will, nimmt anstatt blauem, Rot-Holz und 1 L. Pottasche oder auch ½ Pf. abgesottene Röte oder Fernebock.
Ascher-Farb auf 22 Pf. Wolle oder Leinen
Seud 8 L. Präsilienholz wohl ab in einem scharfen Essig, weiche darein 1½ Pf. gestoßenen Gallus und 2 Pf. Kupferwasser, laß also 3 Tage stehen, willst du färben, fülle den Kß. mit reinem Wasser, gieße die Farbe hinein, rühre alles wohl durcheinander und haspele das Tuch oder Leinen hindurch, bis es die Farbe weg hat, kannst auch was Arsenikum dazu tun, so ist sie beständig.

Blau-Leinen aus Indigo zu färben
Zu 6 Schäfflein mit Wasser nimm 4 H. Grisch, 2 H. Seegrab, 3 H. ungelöschten knolligen Kalk, laß erstlich das Wasser sieden, alsdann tue die särffe hinein, als Weinheff 2 Pf, oder Pta 2 Pf. oder Weydaschen 2 Pf., welches unter diesen Dreien du willst, aber die Pta mußt du stoßen, laß eine halbe Stunde allgemach sieden, darnach tue die Grisch, Seegrab und den Kalk miteinander darein, laß wieder sieden eine Viertel St. lang, und wann er gesotten ist, stelle ihn mit einem Kübel voll Wasser zu, umgerührt, und tue das Feuer weg, laß eine halbe St. stehen, bis es gefallen, darnach seihe es ab, bis auf das Trübe, das schütte weg und also hast du den Wst. wie es genannt wird.
Den Indig abzustoßen: Nimm zu 6 Schäfflein voll Wasser oder Wst. 1 Pf. Indig, weich ihn in den Wst. in den Reibkß., reib und stoß ihn auf, laß ihn fallen, eine halb viertel St. darnach klopfe mit einem Stecken an den Reibkß. und seie es ab bis auf das Dicke. Nimm wieder einen halben Kübel voll Wst. reibe es auf wie zuerst und abgezogen bis auf das Dicke und sofort an weilen du Indig in den Kß. hast und also mußt du die Farb 12 Stund stehen lassen, ehe du daraus färben kannst, und wenn du gefärbt hast, laß allemal 2 St. lang ruhen.
Die Farb zu probieren: Nimm ein klein hölzern Schüsselein, tue die Blumen damit auf eine Seiten, schöpf gemach auf, siehet sie gelb, so ist sie gut, ist sie grasgrün, so ist sie zu scharf, schütte einen Kübel voll Glattwasser drein, das nit sauer ist, siehet die Farb mehr grün, so ist sie zu leis, so nimm einen Kübel voll Wst. und laß eine St. wieder stehen, ehe du färbst, so tue die Blumen in der hölzern Schüssel derab, hebs auf und schütts wieder dran, wenn du die Farb aufgerührt hast und gefärbt, wann du nun die Farb also zugericht hast und sie ihre Zeit gestanden und geruhet hat, so fahre fein schleunig fort, die Farb darf nit sieden in den Kß. nur gewärmt, daß man eine Hand darin erleiden kann, ist die Farb ausgefärbt, machs wieder mit Wst. zu, wie zuerst, laß 12 Stund ruhen, ehe du wieder färbst.
Aus den Indig blau Wollin zu färben: Nimm frischen Mannsharn und auf 1 Pf. Garn 3 L. Indig, laß den übernacht im Harn erweichen, zerreib ihn auf das kleinste, gieß Harn darin, rühr es um und laß fallen, schütte oder seihe es in einen glasierten Hafen, tue ein wenig Spiesglas gestoßen darunter, laß 24 St. stehen an einem warmen Ort, wenn du färben willst, laß das Garn in Allaun-Wasser sieden ½ St., laß das Garn abrinnen, darnach lege es also naß in den Hafen und kehre es zum öfteren um, daß es nit flecket werde, laß es darinnen liegen, bis es blau genug ist, wenn das Garn nicht recht blau, so tue mehr Indig dazu.
Blau aus Indig auf eine andre Weis: Mach eine scharfe Laugen und nimm für 1 Kreuzer Sallniter, tus in die Laugen, und laß die Laugen lauter werden, tu Indig hinein, laß 6 St. stehen, darnach lege die Woll darein, laß 4 St. stehen, so wird sie schön blau.
Blaue Farb in anderer Manier: Nimm 1 Pf. Indig, 4 L. Stein-All., 2 L. rauch Honig, laß in einer starken Laugen von Eichenholzaschen sieden, bis der 3. Teil eingesotten ist, darnach färbe daraus, es wird schön blau.
(Karl Schreck: Lauda. Schicksale einer ehemaligen fränkischen Oberamtsstadt. Lauda 1973; Abkürzungen: Pf = Pfund, L = Lot, q = Quintlein, H = Handvoll, St = Stund, Kß = Kessel, All = Allaun, Pta = Pottasche, Wst = Weinstein)

H 16

Der Büttner

"Wir, Christoph Franz, von Gottes Gnaden des Heiligen Römischen Reichs Fürst, Bischof zu Würzburg und Herzog zu Franken.
Demnach Uns die sambtliche unserer unterthanen des Büttner und Metzger=Handwercks unseres Ambts Hardtheimb unterthst. gebetten haben, Wir wollten gnädigst. geruhen ihnen eine gewisse Zunftordnung (...) zu erteilen" - mit solch zeitüblich umständlichen Worten beginnt der jüngste der Hardheimer Zunftbriefe, der Brief der Metzger und Büttner vom 19. Juli 1725.

Die Gründe, weshalb sich so weit von einander entfernte Berufe wie Metzger und Büttner in einer Zunft zusammenschlossen, sind unbekannt - als Vorläufer dieser Zunft wird 1720 "die Hardheimer Metzger-Zunft, der sich zu Stadt Lauda eingelassen", erwähnt.

Bis heute haben beide Handwerke unterschiedliche Entwicklungen durchlaufen - während das Handwerk des Metzgers auch durch die Konkurrenz der Fleischfabriken kaum gelitten hat, wurde das Handwerk des Büttners - oder Küfers - durch die Verwendung von Kunststoff bei der Herstellung von Fässern, Butten und Zubern zurückgedrängt.


H 18

Der Schuhmacher

Der Beruf des Schuhmachers kann als Musterbeispiel für die veränderte Rolle des Handwerks gelten: vom (Schuhe) Herstellen zum (Schuhe) Reparieren.

Als Meisterstück mußte nach der Zunftordnung der Hardheimer Schuhmacher und Rotgerber aus dem Jahr 1685 ein Geselle ein Paar Manns- und ein Paar Weiberschuh sowie ein Paar Weiberpantoffeln anfertigen.

Qualität und Beschaffenheit der Schuhe waren genau vorgeschrieben, und in der Regel hielt ein Paar Schuhe viele Jahre.

Heute werden Schuhe nur noch in Ausnahmefällen - wie bei orthopädischen Schuhen - in der Schuhmacherwerkstatt angefertigt; die selten gewordenen Schuhmacher beschränken sich meist auf Reparaturarbeiten.

H 19.1

Werkstatt

Die hier gezeigten Geräte und Einrichtungsgegenstände stammen aus verschiedenen Schusterwerkstätten aus Hardheim und den Ortsteilen; sie stellen in etwa das Inventar einer Schuhmacherwerkstatt bis in die Nachkriegszeit hinein dar.

Anhand der Geräte läßt sich die Schuhherstellung nachvollziehen - von der Zubereitung des Leders mit der Lederwalze über das Nähen des Oberleders mit der Nähmaschine hin zum Besohlen mit Hilfe von Holznägeln aus der Holznagelmaschine. Das vielfältige Kleinwerkzeug wie Schuhmacherahle, Glätteisen und Nagelort fand auf dem Tisch seinen Platz.

H 21

Der Töpfer

Das Handwerk des Töpfers - oder Hafners - ist eines der ältesten Handwerke in der Geschichte und hat sich bis in die heutige Zeit hinein eine gewisse Bedeutung bewahren können.

Allerdings sind einige Jahrzehnte vergangen, seit der letzte Hardheimer Hafner, Karl Mayer, im Jahr 1949 seine Werkstatt aufgab.

Schon sein Vater war Hafner in Hardheim gewesen; ihre Werkstatt befand sich in einem Haus in der Riedstraße, das schon im 19. Jahrhundert eine Töpferei beherbergt hatte.

Die Produktion von Karl Mayer zeigt die Spannbreite des ländlichen Bedarfs an Keramikgegenständen, den ein Hafner zu befriedigen hatte: über Schüsseln und Töpfe, Kuchenformen und Becher geht die Palette bis hin zu Blumenkästen, Vasen und Weihwasserbehältern.

Ein Jahr vor seinem Tod setzte sich Karl Mayer im Alter von 76 Jahren noch einmal an die Drehscheibe - anläßlich der Hardheimer Heimatwoche im Jahr 1955.

Exponattexte

H 20.1

Die Vielfalt noch erhaltener Gegenstände aus Keramik belegt die Bedeutung, die das Töpferhandwerk früher hatte: nicht nur Schüsseln, Teller, Töpfe, Becher, Krüge, Flaschen, Tassen wurden aus Ton gefertigt; auch Pfeifen, Lampen, Backformen, Kerzenkühler und der gezeigte Dokumentenkasten stammen aus der Werkstatt des Töpfers.

H 20.2

Der letzte Hardheimer Hafner Karl Mayer produzierte sämtliche Arten von Gegenständen aus Ton, noch auf traditionelle Art auf der Töpferscheibe.
Sein Sohn versuchte nach dem Krieg, die Produktion von Töpferwaren auf industrieller Basis fortzuführen - die Gegenstände wie der hier gezeigte Milchtopf wurden nun gegossen statt gedreht.


H 23

Wagner, Sattler, Schmied

Im Jahr 1699 wurden in Hardheim einige Handwerksberufe zu einer Zunft zusammengefaßt, die als Beispiel früh entwickelter Arbeitsteilung gelten können: Wagner, Huf- und Wagenschmiede produzierten die in der Landwirtschaft benötigten Transportmittel.

Zu dieser Zunft zählten auch Waffenschmiede und Nagelschmiede, während die ebenfalls an der Herstellung von Wagen und Geschirr beteiligten Sattler zur Zunft der Schuhmacher und Rotgerber gehörten.

Die Mechanisierung der Landwirtschaft brachte allen diesen Berufen das Ende: es bedurfte keiner Wagenräder aus Holz vom Wagner mehr, keiner Hufeisen und Wagenbeschläge vom Schmied und keiner Sättel und Kummete mehr vom Sattler.

Exponattexte

H 23.6

Am Beispiel eines Leiterwagens zeigt sich die Arbeitsteilung im ländlichen Handwerk: Der Sattler fertigt die Lederteile (braun), der Schmied Ketten, Beschläge und Radreifen aus Eisen (blau), der Seiler die überall unentbehrlichen Stricke und Seile (orange) und der Wagner schließlich alle Wagenteile aus Holz (weiß).


H 26

Die Bauzunft

Beim Bau eines Hauses mußten (und müssen) Handwerker verschiedener Berufe zusammenwirken: "die Meistere der Maurer, Steinhauer, Zimmer= und Schreiner Handwerckher" werden im Zunftbrief für die Hardheimer Bauzunft von 1688 genannt. Aber auch Glaser und Nagelschmiede gehören später zu dieser Zunft.

Die Zunft schützte die einzelnen Handwerker vor dem Wettbewerb untereinander und mit Handwerkern von außerhalb: kein Meister durfte einen Bauherrn um Arbeit angehen, und "die Stöhrer und Stümper aber, so nicht zünftig gelehrnet oder nirgends sich zünftig und haussessig nidergelassen, hin und wider herum vagiren, stöhren und die Handtwerckher verstumblen, sollen keineswegs geduldet, sondern gäntzlich ab und ausgeschafft werden."

Bis heute wurden die einzelnen Berufe in ihrer Entwicklung in unterschiedlicher Weise von der Industrialisierung betroffen - längst gibt es keine Nagelschmiede mehr. Steinhauer (Steinmetze) sind heute Spezialisten, während es in Hardheim durch die industrielle Ausbeutung der Hardheimer Steinbrüche seit etwa 1900 bis in die Nachkriegszeit hinein viele Steinhauer gegeben hat; die Steine wurden direkt im Steinbruch nach Maß gearbeitet.

Die übrigen Berufe sind auch heute noch - unter Verwendung entsprechender neuer Werkstoffe und Geräte - beim Hausbau vertreten.

 

Exponattexte

H 26 A.1
Gesellenbrief des Schreiners Joseph Anton Popp; 27. 4. 1795
Der Hardheimer Schreiner Joseph Anton Popp hat in Hardheim eine Anzahl von Haustüren geschaffen, von denen eine auch hier ausgestellt ist; der Text seines Gesellenbriefs lautet: "Wir Geschworne Vor= und andere Meister des ehrsamen Handwerks der Schreiner in der hochfürstlichen Residenzstadt Wirzburg in Franken bekennen hiemit, daß gegenwärtiger Gesell, Namens Joseph Anton Popp, gebürtig von Hartheim, seines Alters 22 Jahr, von Statur groß, von Harren braun, bey uns allhier -- Jahr 16 Wochen in Arbeit gestanden, und sich solcher Zeit über treu, fleißig, still, friedsam und ehrlich, wie einem jeglichen Handwerksgesellen gebühret, verhalten habe: welches wir also attestiren, und deshalb unser sämtliche Mitmeister diesen Gesellen nach Handwerksgebrauch überall zu fördern, geziemend ersuchen wollen. Geschehen Würzburg 27ten Aprill 1795."

H 28.1
Haustür
Diese Tür stammt wohl aus der Werkstatt des Hardheimer Schreiners Joseph Anton Popp, der Ende des 18. Jahrhunderts einige Haustüren geschaffen hat, von denen wenige bis heute an Hardheimer Häusern zu bewundern sind.

H 28.2
Zeichnungen von Hermann Dörr (1889-1914); um 1910
Der aus Hardheim stammende Gewerbeschullehrer Hermann Dörr veröffentlichte im Jahr 1911 einen Artikel über kunsthandwerklich gestaltete Haustüren in seinem Heimatort; als Vorlage für den Druck fertigte er die hier gezeigten Tuschezeichnungen an.
Hermann Dörr führt alle Türen auf einen Meister zurück und datiert sie in die 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts.


H 30

Zünfte und Gewerbefreiheit

Der Ausschluß des wirtschaftlichen Wettbewerbs innerhalb der Zünfte und die Einschränkung gewerblicher Aktivitäten durch den Zunftzwang machte die Gewerbefreiheit zu einer der wichtigsten Forderungen des aufstrebenden Bürgertums im 19. Jahrhundert.

Aber erst 1862 wurde im Großherzogtum Baden die Gewerbefreiheit verkündet; gleichzeitig wurden die Zünfte aufgelöst.

Für die zünftig organisierten Handwerker entstand dadurch eine schwierige Lage: durch die Entwicklung der Industrie waren sie einerseits industrieller Konkurrenz ausgesetzt, andererseits wuchs auch innerhalb des Handwerks der Wettbewerb. Zudem waren durch die Auflösung der Zünfte die soziale Absicherung durch die Zunft, aber auch die Regelung der Ausbildung und der Anforderungen an den einzelnen Handwerker und seine Produkte verloren gegangen.

Aus diesen Gründen schlossen sich die Gewerbetreibenden zu Vereinen zusammen - in Hardheim schon im Februar 1863. Ziele des Hardheimer Gewerbevereins waren die Regelung der Lehrlingsausbildung, die Einrichtung einer Gewerbeschule und die Einführung von Lehrlings- und Gesellenprüfungen.

Die weitere Entwicklung führte letztlich wiederum zu ständischen Organisationen - den Handwerkerinnungen -, und auch von staatlicher Seite aus gibt es einschränkende Regelungen, um die negativen Folgen eines ungehemmten Wettbewerbs einzuschränken.


H 31

Von der Produktion zur Reproduktion

Mit der industriellen Revolution veränderten sich auch Struktur und Tätigkeitsbereich vieler Handwerksberufe: durch die Ausweitung der industriellen Produktion wurden viele Handwerke überflüssig, andere mußten sich auf den Bereich der Reproduktion beschränken oder auf bestimmte Bereiche spezialisieren; daneben entstanden neue Tätigkeitsfelder und neue Berufe.

So sind Berufe wie der des Wagners oder des Nagelschmieds verschwunden - sie konnten der industriellen Konkurrenz nicht standhalten.

Dagegen konnte sich ein Beruf wie der des Schuhmachers - wenngleich in weit geringerem Maße - einerseits durch die Beschränkung auf Reparaturen, andererseits durch Spezialisierung auf Sonderanfertigungen bis heute erhalten.

Schließlich sind durch die Entwicklung der Technik auch ganz neue Handwerksberufe entstanden - vom Automechaniker bis hin zu Zentralheizungsbauer.


H 32

Industrie in Hardheim

Im Vergleich mit den industriellen Zentren setzte in Hardheim erst mit einer Verzögerung von mehreren Jahrzehnten und aus handwerklichen Wurzeln heraus eine bescheidene Industrialisierung ein.

Schon Anfang des 19. Jahrhunderts war die Region durch die politische Entwicklung ins Abseits geraten ("badisch Sibirien") und bis 1911 ohne Anschluß an das seit Mitte des 19. Jahrhunderts wachsende Eisenbahnnetz geblieben.

So waren bis in die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg hinein erst eine Handvoll industriell produzierender Betriebe in Hardheim entstanden - die Steinbruchbetriebe, die Hardheimer Ziegelei, der Mühlenbaubetrieb Adolf & Julius Eirich und vor allem die Maschinenfabrik Gustav Eirich, deren Elektrizitätswerk zudem seit 1907 die Bürger Hardheims mit elektrischem Strom versorgte.

Den vielfachen Wandel seit dieser Zeit haben nur zwei der genannten Betriebe überstanden. Aus dem Mühlenbaubetrieb Adolf & Julius Eirich wurde die Firma Adolf & Albrecht Eirich, Siloeinrichtungen, und nach wie vor der bedeutendste Hardheimer Betrieb ist die Maschinenfabrik Gustav Eirich - in ihrer Branche von internationaler Bedeutung.


H 32/1

Entwicklung der Adolf & Albrecht Eirich KG

1850 Johann Eirich, ein Sohn des "Stammvaters" Matthias Eirich, heiratet und baut im Hofacker eine Werkstatt.
1871 Die Geschaftsbücher weisen als Kunden vor allem Mühlen im Umkreis Hardheims aus.
1883 Adolf Eirich, zweiter Sohn des Johann Eirich, baut eine neue, wesentlich größere Werkstatt in der heutigen Würzburger Str. 43 und arbeitet mit seinem Bruder Julius zusammen. Es werden Müllereimaschinen hergestellt.
1912 Gründung der Adolf & Julius Eirich OHG; schon der Großvater der beiden Brüder - Matthias Eirich - war in Hardheim als "Mühlenarzt" tätig gewesen, ebenso sein Sohn Johann Eirich. Der neu gegründete Betrieb produzierte im Anwesen der Firma in der heutigen Würzburger Str.43 Mühlen und Mühleneinrichtungen.
Adolf Eirich ist außerdem zwischen 1907 und 1919 Bürgermeister von Hardheim und legt den Grundstein zu den Sammlungen des Museums.
1916 Julius Eirich verunglückt bei einem Betriebsunfall tödlich.
1920 Mit dem Firmeneintritt von Albrecht Eirich, dem Sohn von Adolf Eirich, wird der Name in Adolf & Albrecht Eirich geändert.
1923 Aufbau eines holzverarbeitenden Betriebs in der Bretzinger Str.39; Entwicklung von Maschinen zur Getreidereinigung ("Aspirateure").
1934 Deutsches Reichspatent für einen von der Firma entwickelten Verteilerstutzen "System Eirich" - der Tätigkeitsbereich der Firma verlagert sich zunehmend in den Bereich des Speicher- und Silobaus; gleichzeitig tritt die Produktion von Holzgeräten in den Hintergrund.
1938 Erwerb des heutigen Betriebsgeländes in der Bretzinger Str.16; Produktion von mechanischen Förderanlagen für Getreide und Schüttgüter.
1964 Umwandlung in eine Kommanditgesellschaft.
1982 Erhebliche Vergrößerung der Produktionsfläche.

Heute liefert die Adolf & Albrecht Eirich KG mechanische Förderanlagen für Getreide und andere Güter. Ein Teil der Produktion geht in den Export.

H 32/2

Entwicklung der Maschinenfabrik Gustav Eirich

1863 Gustav Eirich - ein Sohn des Hardheimer "Mühlenarztes" Matthias Eirich - gründet ebenfalls als Mühlenarzt ein eigenes Geschäft; die Werkstatt befindet sich in der heutigen Würzburger Straße.
1869 Bau einer Werkstatt an der Hofackerstraße mit Anschluß an die Mehl-, Öl- und Sägemühle Beuchert an der Erfa zum Antrieb der Werkzeugmaschinen; Übergang zur Produktion von Dreschmaschinen.
1873 Einrichtung einer neuen Werkstatt am Hoffenbach mit fünf Drehbänken und Ausweitung der Produktion auf Häckselmaschinen, Futterschneidmaschinen, Obst- und Rübenmühlen und andere landwirtschaftliche Maschinen.
1883 Erwerb der Mittelmühle an der Erfa und Einrichtung eines Sägewerks; Konstruktion und Produktion von Sägewerkmaschinen, Wasserrädern und Triebwerkteilen.
1900 Gustav Eirich überträgt die Geschäftsleitung auf seine Söhne Ludwig und Josef Eirich; Konstruktion und Produktion des ersten Eirich-Mischers.
1905 Einrichtung einer Stromerzeugungsanlage.
1906 Patent für den Eirich-Planetenmischer.
1907 Gründung des Elektrizitätswerkes Gebrüder Eirich.
1924 Entwicklung des Eirich-Gegenstrommischers und Ausweitung der Produktion.
1938 Bau der ersten automatisch gesteuerten Eirich-Mischanlage.
1956 Aufbau einer Vertriebsniederlassung in Kanada und USA.
1958 Einrichtung des Eirich-Projektbüros in Mannheim.
1963 100jähriges Betriebsjubiläum.
1964 Stillegung des Sägewerks und somit Beendung der eigenen Stromerzeugung.
1973 Gründung von Schwestergesellschaften in Brasilien und Japan.
1980 Einführung der Mikroelektronik in die Steuerung von Aufbereitungsanlagen. Gründung einer eigenen Gesellschaft für Prozessdatentechnik (Elotec GmbH, Wiesbaden).
1985 Entwicklung des Eirich-Vakuum-Mischers.
1987 Erweiterung der Eirich-Gruppe durch Erwerb der Draiswerke GmbH, Mannheim. - Bau eines modernen Technikums.
1988 125jähriges Betriebsjubiläum.
1990 Die Eirich-Gruppe übernimmt die Kema Keramikmaschinenbau GmbH, Görlitz.

Heute liefert die Maschinenfabrik Gustav Eirich Maschinen zum Mischen, Pelletieren, Zerkleinern und Dosieren und beschäftigt sich mit Anlagenbau mit eigenen Wiege- und Steuersystemen sowie Meß- und Regeltechnik. Die Firma ist weltweit vertreten und hat über 550 Mitarbeiter in Hardheim. Weltweit beschäftigt die Eirich-Gruppe ca. 1400 Mitarbeiter..


H 34

Der Drucker

Seit Johannes Gutenberg in Mainz um 1455 erstmals ein Buch mit gegossenen und beweglichen Lettern druckte, wurden Bücher für fast fünf Jahrhunderte mit demselben Verfahren gedruckt: aus Blei gegossene Lettern werden zu Worten, Zeilen und Seiten zusammengesetzt und im Hochdruck gedruckt - nur die erhabenen Teile drucken.

Ebenfalls als Hochdruckverfahren wurde im künstlerischen Bereich der Holzschnitt eingesetzt; dagegen folgen Kupferstich und Radierung einem völlig anderen Prinzip - beim Tiefdruck drucken die tieferliegenden Teile, nachdem die Druckfarbe mit der Rakel von der Oberfläche abgestreift wurde.

Mit Beginn der industriellen Revolution wurde auch der Buchdruck durch die Erfindung von Schnellpresse und Setzmaschine mechanisiert. Erst vor einigen Jahren ist eine zweite Revolution im Druckgewerbe in Gang gekommen: der Bleisatz wurde durch den Fotosatz ersetzt, der Hochdruck durch den Offsetdruck. Dieses Flachdruckverfahren macht sich die Tatsache zunutze, daß sich Fett und Wasser abstoßen: bei Verwendung einer fetthaltigen Druckfarbe stoßen wasseraufnehmende Teile der Druckplatte die Farbe ab.

Heute wird häufig schon das Manuskript mit Hilfe des Computers geschrieben und überarbeitet, vom Satzcomputer auf Film belichtet, fotografisch auf Druckplatten übertragen und im Offsetdruck gedruckt.

Der Text dieser Tafel schließlich wurde im Siebdruckverfahren gedruckt: der belichtete (Satz-)Film wird fotografisch auf ein lichtempfindlich beschichtetes feines Sieb übertragen, unbelichtete Stellen lassen sich auswaschen und werden durchlässig für die Druckfarbe, die durch das Sieb hindurch gestrichen wird.

Exponattexte

H 35

Die vier wichtigsten Druckverfahren werden hier demonstriert: Der Hochdruck durch einen Schließrahmen mit Satzform, der Tiefdruck durch einen Kupferstich, der Flachdruck durch einen Stein und eine Offsetdruckplatte, und schließlich der Siebdruck durch ein Sieb.


H 40

Der Ziegler

Schon im Jahr 1680 ist in Hardheim erstmals das Handwerk des Zieglers erwähnt - die Ziegelei befand sich in einem Seitenweg zur Wertheimer Straße.

Von der Zugehörigkeit dieses Handwerks zu einer Zunft ist allerdings nichts bekannt.

Einen wichtigen Abschnitt in der Entwicklung von Gewerbe und Industrie in Hardheim markierte dann im Jahr 1909 die Gründung einer Ziegelfabrik an der Walldürner Straße: mit modernsten industriellen Produktionsanlagen zur Aufarbeitung des Lehms, einer Dampfmaschine zum Antrieb der Pressen und einem Tunnel-Ringofen wurden Biberschwanz- und Doppelfalzziegel hergestellt.

Die Arbeitskräfte - produziert wurde nur im Sommer - kamen zum großen Teil aus Italien.

Aber der Betrieb wurde schon nach wenigen Jahren - noch vor 1914 - wieder eingestellt.

1917 begann die zweite Etappe der Geschichte des Hardheimer Ziegelwerks: die Fränkische Nährmittel AG übernahm die Fabrik und nutzte die Anlagen zum Dörren von Obst und Gemüse, später zur Herstellung von Grünkernflocken, Mehl-, Grieß- und Haferflocken, Malzkaffee und Kaffee.

1958 wurde die Fränkische Nährmittelfabrik Hardheim AG in Gemeindeeigentum überführt - die Gemeinde übernahm das gesamte Aktienkapital der Gesellschaft, nachdem der Betrieb unrentabel geworden war.

1959 schließlich beginnt die dritte Etappe der ehemaligen Ziegelei: die Übernahme des Werks durch einen kunststoffverarbeitenden Betrieb spiegelt den Strukturwandel innerhalb der Industrie jener Jahre wieder, als neue Produktionsbereiche zusätzliche Bedeutung erlangten.

Exponattexte

H 40.5

Feierabendziegel; 16. - 18. Jahrhundert

Früher wurden häufig die letzten Ziegel der Tagesproduktion oder eines Brandes mit verschiedenen Ornamenten verziert - mit Schriften und Zeichen, Sonnen und Figuren.


H 41

Orgelbau in Hardheim

Schon seit Ende des 19. Jahrhunderts existiert in Hardheim eine Orgelbauerwerkstatt.

1886 übernahm Wilhelm Bader sen. diese Werkstatt - er baute unter anderem im Jahr 1894 die Orgel der Hardheimer Pfarrkirche St. Alban.

Seine Söhne Max Bader und Wilhelm Bader jun. unterhielten in Hardheim später zwei von einander unabhängige Betriebe - Max Bader bis 1955, Wilhelm Bader jun. bis 1960.

Eine dritte Orgelbauerwerkstatt entstand nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Orgelbauer August Stöber eine eigene Orgelbaufirma in Hardheim gründete; mit seinem Tod 1956 wurde dieser Betrieb wieder aufgelöst.

Ende der fünfziger Jahre wurden die beiden Bader-Firmen schließlich von Hans-Theodor Vleugels übernommen - Max Bader war 1960 gestorben, Wilhelm Bader jr. schied 1960 aus dem Betrieb aus.

Die hier aufgebaute Orgel ist die letzte Orgel, die Wilhelm Bader jun. gebaut hat. Sie wurde von Hans-Theodor Vleugels - dessen Betrieb die Orgelbauertradition in Hardheim bis heute weiterführt - für das Museum erworben, restauriert und aufgestellt.

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